240  Das  Mädchenschulwesen.

sie  im  12.  und  13.  Jahrhundert  cher  sank  als  stieg,  trug  das  Aufstreben
  eines  neuen  gesellschaftlichen  Standes  neue  und  zwar  weltliche
  Elemente  in  die  Frauenbildung  hinein.  Die  eigentümliche
Stellung,  die  die  Frau  einnahm,  als  der  Ritterstand  der  cigentliche
Kulturträger  der  Zeit  wurde,  ergab  neue  ‚Anforderungen  für  ihre
Bildung.  Die  Frauen,  die  das  höfische  Ideal  des  gesellschaftlichen
Verkehrs  zu  pflegen  und  zu  verkörpern  hatten,  mußten  nicht  nur
eine  besondere  Gewandtheit  in  den  Formen  vornehmer  Lebensführung,
sondern  auch  eine  Kenntnis  der  dichterischen  Vorbilder  gewinnen,  in
denen  sich  dieses  Ideal  darstellte.  So  ist  zunächst  Lesen  und
Schreiben  unter  den  Frauen  der  höfischen  Kreise  weiter  verbreitet
als  unter  den  Männern,  und  als  L.esestoff  treten  neben  den  Psalter
und  die  heiligen  Schriften  mehr  und  mehr  die  Erzeugnisse  der  höfschen
  Dichtung;  modern  ausgedrückt  heißt  das,  daß  die  deutsche  und
die  französische  Literatur  in  das  Mädchenbildungswesen  aufgenommen
wurden.  Zeugnisse  für  die  Belesenheit  und  die  geistige  Bildung  der
Ritterfrauen  finden  sich  in  der  Literatur  der  Zeit  häufig  genug.
Thomasin  von  Zirklaerel)  nennt  eine  ganze  Bibliothek,  aus  der  Frauen
höfische  Sitte  lernen  sollten;  in  den  Dichtungen  von  Flore  und
Blancheflure,  von  Tristan  und  Isolde?)  werden  die  fabelhaften  gelehrten
  und  künstlerischen  Fertigrkeiten  der  idealen  Ritterfrau  in  den
hellsten  Farben  gepriesen.  Für  die  Frauen  sangen  die  Dichter;  für
den  Zuschnitt  des  geistigen  und  gesellschaftlichen  Lebens  gab  ihr
Empfinden  und  ihr  Geschmack  Maß  und  Richtung.  In  der  moräliteit,
der  Kunst,  die  vornehmen  Formen  des  gesclligen  Verkehrs  taktvoll
anzuwenden,  wurden  die  Mädchen  zuweilen  von  einer  „Zuchtmeisterin“
oder  auch  wohl  von  einem  fahrenden  Spielmann,  der  nicht  selten  ein
Franzose  war,  unterwiesen;  dazu  gehörte  auch  die  Fertigkeit  im
Tanzen,  Singen,  Saitenspiel  und  in  den  beliebten  Brettspielen  des
Mittelalters.)  In  weiblichen  Nadelarbeiten  brachte  es  die  Frauenkemenate
  zu  der  hohen  technischen  und  künstlerischen  Fertigkeit,
die  wir  an  so  vielen  erhaltenen  Teppichen  und  Bildwirkereien  des
Mittelalters  bewundern.

Mit  dem  Verfall  des  Rittertums  verändert  sich  der  gesamte
Charakter  der  Frauenbildung.  Ein  anderer  Stand  tritt  an  die  Spitze
der  materiellen  und  geistigen  Kultur  und  stellt  an  die  Frauen  andere
Ansprüche.  Die  verschiedensten  Umstände  wirken  zusammen,  um

N)  Thomasin  v.  1029—  1040.

°ı  Tristan  v.  7988  fi.,  8058  fl.,  8141  fi.
3)  Weinholda.2a.0.1,8181  —  Spechtz  a.  0.8  MM.