Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  247

erhalten  sie  täglich  I  bis  höchstens  4  Stunden  Unterricht.  Wo  es
irsend  anging,  hielt  man  zur  Zeit  der  Reformation  besondere,  von
den  Knabenschulen  getrennte  Mädchenschulen  für  geziemender;  die
Roheit  der  Zeit  mag  für  diese  Anschauung  triftige  Gründe  gegeben
haben;  mußte  doch  z.  B.  auch  bestimmt  werden,  daß  die  Mädchenschulen
  an  einem  „ehrlichen,  unverdächtigen“  Orte  zu  liegen  hätten
und  daß  die  Mädchen  keinen  allzuweiten  Schulweg  haben  dürften.
Wie  es  gute  Sitte  schien,  die  Mädchen  im  Unterrichte  von  den
Knaben  zu  trennen,  so  hielt  man  es  auch  für  angemessen,  sie  durch
Frauen  unterrichten  zu  lassen.  An_cine  besondere  Vorbildung  der
Lehrerinnen  war  freilich  noch  nicht  zu  denken.  Irgend  eine  ältere
Frau,  die  einige  Kenntnisse  im  Lesen  und  in  weiblichen  Arbeiten
besaß,  wurde  zur  Leiterin  des  Mädchenunterrichts  empfohlen,  am
liebsten  die  Frau  des  Pfarrers  oder  des  Schulmeisters;  wenn  sie  gar
schreiben  oder  rechnen  konnte,  so  war  das  eigentlich  schon  mehr,
als  man  verlangen  konnte.  Späterhin  scheint  sich  die  Sitte  eingebürgert
  zu  haben,  dem  Küster  den  Mädchenunterricht  als  Nebenamt
  und  Ncbeneinnahme  zu  übertragen,  vermutlich,  weil  es  trotz  der
geringen  Anforderungen  schwer  war,  Frauen,  die  sich  für  diese
Stellungen  eigneten,  in  genügender  Anzahl  zu  finden.  Luther  selbst
hat  sich,  wie  es  scheint  ohne  viel  Erfolg,  bemüht,  aus  entlassenen
Nonnen  geeignete  Lehrerinnen  für  die  Mädchen  zu  gewinnen.  Die
Besoldung  der  Lehrer  und  der  Schulfrauen  bestand  meist  in  freier
Wohnung  und  Freiheit  von  den  bürgerlichen  Abgaben,  dazu  in  dem
Schulgeld,  das  die  Kinder  zu  zahlen  hatten.  Waren  die  Einkünfte  zu
gering,  als  daß  davon  zu  bestehen  gewesen  wäre,  so  zahlte  die  Gemeinde
wohl  noch  einen  kleinen  Zuschuß,  und  die  Eltern  werden  ermahnt,
das  Schulgeld,  das  auf  keine  bestimmte  Höhe  festgesetzt  war,  nicht
zu  niedrig  zu  bemessen.  Immerhin  genügten  auch  die  Veranstaltungen
  durch  die  Reformation  nicht,  um  die  zahlreich  auftretenden
Winkelschulen,  die  meist  nur  dem  Erwerb  des  l.ehrers  dienten  und
nichts  leisteten,  ganz  auszuschalten  und  überflüssig  zu  machen.

Die  Gelegenheiten  zum  Schulunterricht  für  Mädchen,  die  die
Reformation  schuf,  waren  nun  freilich  fast  ausschließlich  dem  Bedürfnis
  der  niederen  Volksklassen  angepaßt.  Es  scheint  dem  Schicklichkeitsgefühl
  der  höheren  Stände  noch  durchaus  widerstrebt  zu
haben,  Mädchen  in  Öffentliche  Schulen  zu  schicken.  Um  nun  auch
für  die  Töchter  der  Vornehmen  protestantischerseits  einen  Ersatz  zu
schaffen  für  die  katholischen  Jungfrauenklöster,  versuchte  man  hier
und  da  Erziehungsanstalten  für  vornehme  Mädchen  nach  Art  der