Geschichte  des  Mädchenbildungswesen»  in  Deutschland.  249

Jungfrau  nur  die  Spindel  und  das  Gebetbuch  gestattet,  damit  ihre
einfältige  Tugend  nicht  durch  weltliche  Bücher  von  Gott  abgeführt
würde.  Das  Schreibenlernen  und  sogar  das  Rechnen  hält  er  allerdings
  für  praktisch  notwendig  in  den  bösen  Zeiten,  in  denen  leicht
eine  Frau  als  Witwe  oder  Waise  einmal  auf  eigene  Verwaltung  ihrer
Angelegenheiten  angewiesen  sein  konnte.

Was  die  äußere  Gestaltung  des  Schulwesens  im  17.  Jahrhundert
betrifft,  so  bemerken  wir  ein  Zurücktreten  der  Frau  vom  l.chramt.
Das  mag  zum  Teil  daran  liegen,  daß  der  Rückgang  der  Ilandwerke
und  Gewerbe  einen  massenhaften  Andrang  von  Männern  zu  den  Lehrerposten
  zur  Folge  hatte,  für  die  man  eine  besondere  Befähigung  damals
  noch  nicht  verlangte.  Allerlei  geistig  und  sittlich  tief  stehende
Leute,  wie  sie  der  große  Krieg  überall  übrig  gelassen  hatte,  bemächtigten
  sich  der  Schule.  Im  Zusammenhangre  damit  steht  das  Überhandnehmen
  der  Klippschulen,  und  hier  fand  die  Frau,  die  aus  dem  öffentlichen
  Schuldienst  gegen  die  Reformationszeit  mchr  und  mehr  zurückträt,
wieder  ein  weites  Arbeitsfeld.  Auch  unter  den  Lehrfrauen  war  eine
große  Zahl  von  heruntergekommenen  Elementen;  ces  wird  z.  B.  in
lübeck  einmal  von  Ratswegen  untersucht,  welcher  sozialen  Stellung
die  nichtkonzessionierten  „Lesemütter“  angehören,  da  verlautete,  daß
Ammen,  Kupplerinnen  und  Dirnen  sich  im  Schulhandwerk  einen
Nebenberuf  suchten.  In  allgemeinen  ist  es  aber  üblich,  daß  die  Frau
des  städtischen  Knabenlehrers  nebenher  eine  Privatschule  für  die
Mädchen  des  Ortes  unterhält,  wo  sie  Lesen,  Schreiben,  etwas  Religion
und  weibliche  Handarbeiten  lernen!).

Während  so  die  Schulordnungen  des  17.  Jahrhunderts  den  Verhältnissen
  entsprechend  häufig  hinter  das  Maß  dessen  zurückgingen,
was  die  Reformation  verlangt  hatte,  wurde  durch  einzelne  große  Pädagosren
  einer  geistigen  Erhebung  der  Weg  gebahnt.  Was  die
Mädchenbildung  anbetrifft,  so  waren  es  vor  allem  Amos  Comenius
und  sein  Vorgänger  Andreae,  die  neue  Ziele  und  cine  tiefere  Auffassung
  des  Bildungsbedürfnisses  der  Frau  vertraten.  Bei  AÄndreae?)
Wie  bei  Comenius)  ist  es  ein  doppelter  Gesichtspunkt,  unter  dem
eine  vertiefte  Bildung  der  Frau  wünschenswert  erscheint:  beide  gehen
von  einer  hohen  Wertung  der  Wissenschaft  als  Mittel  zu  wahrer
Sittlichkeit  und  reicher  befriedigender  Lebenserfüllung  aus,  und  beide

Il)  Bestillungsurkunde  einer  Jungfer-Schulmeisterin  zu  Berlin.  Märk.  Forschungen
INN.  196  f.

2)  Rei  publicae  christianopolitanse  descriptio.  1619.

3)  Didartica  Magna.  Cap.  IN.