334  Das  Mädchenschulwesen.

auf  Kosten  ihrer  pädagogischen  Gediegenheit.  Die  französische
Demosselle  spielt  auch  hier  für  Erzichung  und  Aufsicht  die  Hauptrolle.
  Die  Unterweisung  in  der  Haushaltung  sollte  von  ciner  Pfarrwitwe
  übernommen  werden,  der  Unterricht  im  Lesen,  Schreiben  und
Rechnen  von  „verständigen  Informatoren“;  in  das  Verständnis  der
Bibel  sollten  die  Mädchen  auf  Wunsch  auch  durch  Unterweisung  in  der
griechischen  und  hebräischen  Sprache  eingeführt  werden,  und  daneben
sollten  ihnen,  wie  sich  die  Hausordnung  etwas  unbestimmt  ausdrückt,
„allerhand  nützliche  Künste  und  Wissenschaften“  dargeboten  werden.
Es  wird  sich  bei  diesem  Ausdruck  jedenfalls,  wie  im  Gothacr  Schulmethodus,
  um  cine  Einführung  in  Realien  handeln.  Man,  kann  nicht
sagen,  dafs  das  Gynaeceum  eine  besonders  glänzende  Entwicklung
gezeigt  hätte;  cs  ging  bald  nach  Franckes  Tode  aus  Mangel  an
Schülerinnen  ein  und  wurde  zunächst  nicht  wieder  erneuert.  Immerhin
wirkte  die  Anregung  Franckes,  wenn  auch  erst  allmählich,  auf  die
Gründung  ähnlicher  Anstalten,  z.  B.  des  Magdalenenstiftes  zu  Altenburg,
  dessen  Stifterin,  Henriette  von  Gersdorf,  die  Großmutter
Zinzendorfs  war.
Abgeschen  von  August  Hermann  Francke  kann  man  nicht  behaupten,
  daß  die  Pietisten  der  Entwicklung  der  Frauenbildung  in
Deutschland  günstig  gewesen  wären.  Die  Mehrzahl  der  pietistischen
Pädagogen  war  entschieden  gegen  eine  höhere  Bildung  der  Frauen
überhaupt  und  teilte  die  Ansicht  eines  Schulmeisters  des  18.  Jahrhunderts,
  der  behauptete,  den  „virginibus“  sei  das  Lesen  und  Schreiben
nur  cin  „vehiculum  der  Liederlichkeit“.  In  demselben  Sinne  rühnıit
sich  auch  I.  A.  Bengel,  daß  cr  seine  Töchter  „im  Leeiblichen  und
Geistlichen  nicht  raffiniert  gemacht“  habe;  er  hat  sie  „in  der  Einfalt“
auferzogen  und  meint,  was  noch  fehle,  könne  der  Ehemann  später
nachholen  und  sie  desto  leichter  gewöhnen,  wie  er  sie  haben  wolle.
Über  diese  Einflüsse  siegte  aber  schließlich  doch  die  Aufklärung,
die  in  Deutschland  immer  weitere  Kreise  ergriff.  Aus  der  Erkenntnis,
daß  die  rechte  Tugend  nur  erwachsen  könne  aus  dem  rechten  \Vissen
-——  ein  echt  rationalistischer  Gedanke  —  begann  man  die  Konsequenzen
in  immer  weiterem  Maße  auch  für  die  Frauenbildung  zu  ziehen.  Schon
in  den  Sprachgesellschaften,  in  denen  sich  das  literarische  Leben  nach
dem  dreißigjährigen  Kriege  konzentrierte,  wurden  Fragen  der  Frauenbildung
  und  der  Befähigung  der  Frau  für  die  Wissenschaft  lebhaft
erörtert!);  eine  ganze  Literatur  entspann  sich  von  neuem  über  die

I)  Vgl.  dazu  Adalbert  von  lHanstein:  Die  Frauen  in  der  Geschichte  des
deutschen  Geisteslebens  des  18.  und  19.  Jahrhunderts.  Bd.  I.  Leipzig  189.  NS.  52  ii.