356  Das  Mädchenschulwexen.

Frauen  nach  Erweiterung  ihres  Wissens  war,  liefert  auch  die  ins
Ungeheure  anwachsende  populärwissenschaftliche  Literatur,  die  mit
der  ganz  besonderen  Absicht  verfaßt  wurde,  die  Frauen  in  die  wissenschaftlichen
  Disziplinen  cinzuführen.  Nach  dem  Vorbild  der
„Entretiens“  des  Fontenelle  und  der  bekannten  Briefe  Eulers  über
Physik  und  Philosophie  entstanden  lateinische  Grammnatiken  für  Frauenzimmer,
  Naturlehren  für  Frauenzimmer,  Einführungen  in  die  Mathematik,
  in  die  Chemie  usw.

Die  Vermittlung  all  dieser  neuen  Bildungsstoffle  an  die  Frauen
vollzog  sich  aber  nach  wic  vor  ganz  auf  privatem  \Vege  unter  der
Leitung  des  Hauslchrers  oder  der  Demoiselle  im  Kreise  der  Familie.
Die  Erziehungsschriften  der  Zeit,  z.  B.  das  von  dem  jungen  Goethe
seiner  Schwester  empfohlene  Magazin  der  Frau  von  Beaurnont,  rechnen
durchaus  mit  dieser  Familienerziehung.  Die  neue  Bildungsbewegung,
so  stark  sie  war,  vermochte  doch  noch  nicht  Institutionen  zu  schaffen,
sich  in  der  Organisation  des  öffentlichen  Schulwesens  durchzusetzen.
Ehe  sie  soweit  kam,  trat  ein  neuer  Einfluß  ein,  der  diese  Bewegung
bald  zum  Stocken  brachte;  es  ist  die  Überwindung  des  älteren
Rationalismus  durch  Jean  Jacques  Rousscau.

Rousscaus  Emile,  der  1762  erschien,  gab  den  pädagogischen
Tendenzen  des  Frührationalismus  eime  ganz  neue  Richtung;  er  berührte
  aufs  stärkste  die  bisherige  Auffassung  von  den  Aufgaben  und
von  der  Ausbildung  der  Frauen.  Rousseau  geht  in  seinen  Gredanken
über  Frauenerziehung,  die  er  in  dem  Buch  Sophie  seines  Emile  entwickelt,
  von  der  Anschauung  aus,  daß  die  Frau  keine  selbstverantwortliche
  sittliche  und  geistige  Existenz  führe,  daß  ihr  Verhältnis
zur  ideellen  Welt  kein  unmittelbares  sei,  sondern  daß  das  nächste
Ziel  ihres  Empfindens,  Denkens  und  Tuns  der  Mann  sei.  Diese
Relativität  ihres  ganzen  Handelns  will  Rousscau  zum  Ausgangspunkte
für  ihre  Erziehung  machen;  er  will  in  der  Frau  die  Eigenschaften
entwickeln,  die  sie  in  dieser  abhängigen  Stellung  glücklich  machen:
Sanftmut,  Gehorsam,  Rücksicht  auf  das  Urteil  ihrer  Umgebunr,
Biegsamkeit  ihrer  geistigen  Anschauungen;  es  soll  ıhr  z.  B.  leicht
werden,  die  Religion  ihres  Mannes  anzunehmen,  auch  wenn  sio  sie
bis  dahin  für  fülsch  gehalten  hat.  Ihre  Aufgabe  in  der  geistigen
Gesamtleistung  der  Nation  entspricht  dieser  individuellen  Abhängigkeit:
sie  hat  die  Geisteserzeugnisse  des  Mannes  praktisch  anzuwenden  und
für  das  Leben  fruchtbar  zu  machen;  sie  hat  die  Beobachtungen  zu
sammeln,  die  der  Mann  zu  Grundsätzen  und  Gesetzen  zusammenfätst.
Wenn  sie  überhaupt  eine  geistige  Aufgabe  hat,  denn  Rousseau  würde