Geschichte  des  Müdchenbildungswesens  in  Deutschland,  257

es  „auch  nicht  gerade  tadeln,  wenn  man  die  Frau  nur  auf  die  Arbeiten
ihres  Geschlechtes  beschränkte  und  in  bezug  auf  alles  übrige  in  gänzlicher
  Unwissenheit  heße“.  --  Abgeschen  von  dieser  Grundanschauung,
  die  in  dem  Wesen  der  Frau  etwas  Unwahrhaftiges,  Berechnendes,
  Äußserliches  entwickeln  will,  hat  Rousseau  in  mancher
anderen  Hinsicht  die  herrschenden  Anschauungen  und  Gewohnheiten
auch  auf  dem  Gebiet  der  Frauenerziehung  in  gesunder  und  glücklicher
  Weise  beeinflußt,  ganz  besonders  durch  die  neue  und
emphatische  Wertung  der  Mutter,  durch  die  er  dem  kühl  gewordenen
Familienleben  neue  Wärme  gab  und  der  Entfremdung  des  Kindes
von  seiner  natürlichen  Erzicherin,  wie  sie  durch  die  Hofmeister-  und
Hausfranzösinnenerziehung  eingetreten  war,  entgegenwirkte.  Ändererseits
  wurde  er  durch  die  Bedeutung,  die  er  der  körperlichen  Erziehung
zuschrieb,  zum  Reformator  einer  durch  die  herrschende  Konvention
gänzlich  vernachlässigten  und  verkümmerten  Seite  des  Frauenlebens.

Rousscaus  Emile  entfesselte  in  Deutschland  eine  ganze  Flut  pädagogischer
  Schriften,  in  denen  seine  Ideen  zum  großen  Teil  begeistert
aufgenommen  und  weiter  geführt,  zum  Teil  aber  auch  aufs  heftigste
angefochten  wurden.  Aber  so  sehr  auch  die  Meinung  in  bezug  auf
seine  Erziehungsprinzipien  sonst  auseinandergingen,  in  der  Beurteilung
des  Buches  über  die  Frau  ist  die  Zustinnmung  in  Deutschland  nahezu
einmütig.  An  die  Stelle  des  gelehrten  Frauenzimmers  trat  unter  den
mächtigen  Einfluß  des  Emile  und  der  Nouvelle  Heloise  „das  empfindsame
  Frauenzimmer“,  ein  Ideal,  an  das  auch  die  größten  unter  den
Deutschen  in  gewissem  Sinne  glaubten.  Steht  doch  sogar  Kants
Auffassung  der  Frau,  die  er  in  scinen  „Beobachtungen  über  das
Gefühl  des  Schönen  und  Erhabenen“  niederlegte,  unter  diesen  Eindrücken;
  in  der  Anwendung  der  großen  geistigen  Gegensätze  des
Schönen  und  des  Erhabenen  auf  die  Bestimmung  der  Geschlechter
schreibt  er  dem  Weibe  den  schönen,  dem  Manne  den  tiefen  Verstand,
  dem  Weibe  das  Empfinden,  dem  Manne  das  Vernünfteln
als  das  Wesen  seines  Geistesiebens  zu.  Die  Erzichung  der  Frau
hat  deshalb  nach  Kant  das  Ziel,  schöne  Gefühle  zu  erregen  und
zu  pflegen;  „von  dem  Weltgebäude  werden  sie  nichts  mehr  zu  kennen
nötig  haben,  als  nötig  ist,  d:n  Anblick  des  Himmels  an  einem
schönen  Abende  ihnen  rührend  zu  machen,  wenn  sie  einigermaßen
begriffen  haben,  dafs  noch  mehr  Welten  und  daselbst  noch  mehr
schöne  Geschöpfe  anzutreffen  seyn'.))

I)  Kıga  1771.  S.  47.  Von  dem  Unterschiede  des  Erhabenen  und  Schönen  in
dem  Gegenverhältnisse  beider  Geschlechter,

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  11.  17