IS  Das  Mädchenschulwesen.

Die  eigentlichen  Nachfolger  Rousseaus,  die  Philanthropisten,  übernehmen
  sein  weibliches  Erziehungsideal  bedingungslos,  ja  sie  setzen
es  womöglich  in  noch  einseitigerer  Weise  in  die  Praxis  um.
Basedow  zitiert  in  dem  8.  Abschnitt  seines  Methodenbuches
Rousseaus  Sophie  wörtlich’);  er  fügt  kaum  eigene  Gedanken  hinzu.
Allerdings  hat  er  die  wirklich  notwendige  und  nützliche  Sorgfalt  der
körperlichen  Erziehung,  die  Rousseau  gefordert  hatte,  bei  den
Mädchen  ziemlich  zurückgestellt;  die  Ausbildung  der  Körperkräfte
hatte  beim  Mädchen  seiner  Ansicht  nach  ihre  Grenze  in  der  dem
weiblichen  Geschlecht  wohl  anstehenden  Schwäche,  und  sie  zielte  daher
bei  ihm  mehr  auf  die  Beförderung  weiblicher  Reize,  als  auf  die
Stählung  der  „Leibesstärke“.  In  vergröbernder  Anwendung  von
Rousseaus  Grundsätzen  verlangt  Basedow  vom  Mädchen  in  allen  gresellschaftlichen
  Künsten  so  viel  Fertigkeit,  daß  sie  überall  Gefallen
erregt,  setzt  aber  ihrer  geistigen  Ausbildung  da  die  Grenze,  wo  sie
zum  selbständigen  Denken  und  zu  eigenen  Überzeugungen  führt;  daß
die  Mädchen  regelmäßig  und  fließend  deutsch  und  französisch
sprechen,  lesen  und  schreiben  können,  daß  sie  etwas  von  Musik  und
Zeichnen  verstehen  und  im  Tanzen  geübt  sind,  erhöht  ihre  Annchnılichkeit
  in  der  Gesellschaft.  Auch  einige  Übung  im  Rechnen  und
buchhalterischen  Anschreiben  ist  praktisch  nützlich,  und  einige  Kenntnis
  in  der  „natürlichen  Religion“  und  Sittenlehre  entspricht  der  moralischen
  Würde  des  Menschen;  in  Geschichte,  Geographie,  Naturkunde
  ist  ein  besonderer  Unterricht  kaun  notwendig.  Man  sicht,
überall  ist  das  bewußt  ins  Auge  gefafste  Ziel  der  Mädchenbildung,
das  Verhältnis  des  Weibes  zum  Manne  im  Sinne  eines  vollständigen
geistigen  und  sittlichen  Abhängigkeitsverhältnisses  zu  einem  für  beide
möglichst  leichten  und  angenehmen  zu  machen.

In  derselben  Weise  wie  bei  Basedow  wird  der  Gegensatz  der
Geschlechter  bei  Campe?)  und  bei  vielen  von  den  Philanthropisten
abhängigen  kleineren  Pädagogen  und  Moralphilosophen  aufgefafit;
wir  finden  in  Erziehungsschriften  der  Zeit  z.  B.  die  Anschauung,  daß
man  den  Mädchen  keine  Genugtuung  für  erlittenes  Unrecht  geben
solle,  wenn  sie  unschuldig  mit  einem  Knaben  in  Streit  geraten  sci,
eben  um  ihr  die  nach  Rousscau  notwendigre  Sanftmut,  auf  der  später
ihr  Lebensglück  beruhen  wird,  beizeiten  anzuerzichen.

In  einem  Punkte  freilich  stehen  Theorie  und  Praxis  der  Mädchen-)

  Basedows  ausgewählte  Schriften,  herausgegeben  von  Dr.  Hugo  Göring.

Langensalza  1880.
2)  Väterlicher  Rat  an  meine  Tochter.  Wien  1790.