Geschichte  des  Mädchenbild  wesens  in  Deutschland  359

bildung  in  Deutschland  mit  einander  in  Widerspruch:  wenn  die
Thevrie  möglichst  wenig  positive  Kenntnisse  für  die  Mädchen  forderte,
sing  doch  in  der  Praxis  der  einmal  erwachte  und  durch  den  Rationalismus
  in  weitesten  Kreisen  verbreitete  Bildungsdrang  seinen  Weg.
Tatsächlich  hat  auch  unter  der  Herrschaft  des  Rousseauschen  Einflusses
in  Deutschland  die  Bewegung  zur  Erweiterung  und  Vertiefung  der
Frauenbildung  angehalten;  ja,  die  Philanthropisten  selbst  ---  Basedows
Emilie,  das  Wunderkind,  ist  dafür  ein  Beweis  -—-  haben  sich  mit  in
den  Dienst  dieser  Bewegung  gestellt.  Betrachten  wir  die  praktischen
Veranstaltungen,  zu  denen  die  erziehlichen  Interessen  der  Zeit  führten,
so  sehen  wir  doch  einen  Fortschritt  auch  in  bezug  auf  die  Unterrichtsstoffe
  und  die  Ziele.  Man  verlangte  eben  von  einem  „Frauenzimmer
von  Stande“  nichr  als  früher.  „Sie  muß  ihre  Muttersprache  nach
Regeln  wissen“,  sagt  die  HHofmeisterin  in  Frau  von  Beaumonts  Magazin,
„damit  sie  solche  rede  und  schreybe,  wie  es  seyn  müsse.  Sie  muls
sich  mit  ciner  guten  Art  in  einer  Gesellschaft  zeigen  lernen,  eine
Verbeugung  zu  machen  wissen,  wie  es  sich  gehört;  und  dazu  hat  sie
einige  Zeitlang  einen  Tanzmeister  nötig.  Sie  muß  die  Erdbeschreibung
wissen  und  wenigstens  einen  allgemeinen  Begriff  von  der  Historie
haben,  auch  einen  Brief  schreiben  können.  Dieß  sind  die  Wissenschaften,
  die  ich  einem  Frauenzimmer  von  Stande  oder  aus  einem
suten  angesehenen  Hause  nicht  verzeihen  kann,  wenn  es  solche  nicht
weis.  Ich  setze  noch  die  französische  Sprache  hinzu,  welche  ununtyänglich
  nötig  ist,  seitdem  sie  die  Sprache  aller  Höfe  geworden?).“

Solche  Mädchenerziehungsanstalten  sind  freilich  noch  bis  zu
Ende  des  Jahrhunderts  ziemlich  selten;  sie  sind  immer  noch  entweder
Privatunternehmungen  oder  in  philanthropischem  Sinne  von  fürstlichen
Persönlichkeiten  eingerichtet.  Eine  Reihe  deutscher  Mädchenschulen
ist  auch  aus  sogenannten  „Bedientenschulen“,  d.  h.  an  den  Fürstenhöfen
  eingerichteten  Schulen  für  die  Kinder  des  Hofstaates,  entstanden.
Das  ist  z.  B.  der  Fall  bei  der  höheren  Mädchenschule  in  Hannover?)
und  der  in  Oldenburg.  Die  öffentlichen  Körperschaften  haben
nach  wie  vor  für  Mädchenerziehung  nicht  viel  übrig.  Friedrichs  des
Großen  bündigrer  Bescheid  auf  eine  Eingabe,  die  Einrichtung  einer
höheren  Mädchenschule  in  Schlesien  betreffend,  ist  charakteristisch
genug:  „Es  ist  mir  euer  Bericht  wegen  Frrichtung  einer  Frauenzimmerschule
  zwar  zugekommen,  ich  muß  Euch  aber  darauf  zu  er-I)

  Vergl.  Wychgram:  Handbuch  des  höheren  Mäcdchenschulwesens,  Leipzig
1897.  S.  176.
?)  Vgl.  Festschrift  der  höheren  Tiöchterschule  I  von  Dr.  1.eon  Wespy.  Hannover  1903-17*
