I  Das  Mädchenschulwesen.

kennen  geben,  wie  ich  gar  nicht  absche,  was  daraus  herauskommen
soll.  Es  giebt  ja  vor  cin  Mädchen  Schulen  genug,  und  Studien  haben
sie  nicht  nötig;  sondern  was  sie  zu  lernen  haben,  das  können  sie  genugsam
  lernen,  ohne  daß  cs  ciner  neuen  kostbaren  Anstalt  gebrauche.
Übrigens  sind  das  nur  Grillen  von  solchen  Leuten,  die  weiter  nichts
zu  thun  haben.“

Eine  weit  bekannte  weibliche  Erziehungsanstalt  ist  die  Ecole  des
Demoiselles  des  Herzogs  Karl  Kugen  von  Württemberg,  die  als
Parallelanstalt  für  die  durch  Schiller  berühmte  Karlsschule  gegründet
wurde).  Sie  schloß  sich  in  vielen  Punkten  an  die  Anstalt  der  Frau
von  Maintenon  in  St.  Cyr  an  und  umfaßte  drei  nach  dem  Stande  der
Schülerinnen  gesonderte  Abteilungen,  die  der  adligen  Fräulein,  die
der  Elevinnen,  d.h.  Mädchen  bürgerlicher  Abkunft,  und  seltsamerweise
  eine  dritte,  in  der  die  Tänzerinnen  für  das  Corps  de  ballet  des
Herzogs  ausgebildet  wurden.  In  den  beiden  ersten  Abteilungen  umfatste
  der  Unterricht,  der  nur  von  l.ehrern  erteilt  wurde,  Religion,
Schreiben,  Französisch,  Italienisch,  Rechnen,  Geographie,  Physik,  Haushaltung,
  Zeichnen,  Musik  und  Tanzen;  die  weitaus  größte  Zahl  von
Unterrichtsstunden  gehörte  den  hauswirtschaftlichen  Unterricht,  an
zweiter  Stelle  den  fremden  Sprachen  und  der  Musik.  Lehrerinnen
haben  den  Stunden  als  Aufsichtsdamen  beizuwohnen,  sind  aber  selbst
zum  Unterricht  nicht  zugelassen.  Ähnliche  Anstalten  unter  privater
L.eitung,  die  aber  durchweg  für  die  Töchter  des  Adels  und  des  höheren
Beamtenstandes  eingerichtet  waren,  finden  wir  noch  in  anderen  Teilen
des  DeutschenReiches;  der  Einfluß  Rousscaus  zeigt  sich  zuweilen  deutlich
darin,  daß  auf  die  körperliche  Ausbildung  viel  gegeben  wird  und  daß
man  beginnt,  die  jungen  Mädchen  auch  in  der  Kinderpflege  und  in
den  Grundsätzen  der  Pädagogik  zu  unterrichten.

Neben  diesen  Internaten  entstehen  nun  auch  hier  und  da
Mädchenschulen,  freilich  noch  ohne  ein  eigentliches  Klassensystem.
Diese  Schulen  stehen  in  einer  gewissen  Bezichung  zu  den  um  diese
Zeit  mehr  und  mehr  aufblühenden  Realschulen  für  Knaben,  Anstalten,
in  denen  weniger  für  die  gelehrten,  als  vielmehr  für  künftige  gewerbliche
  und  praktische  Berufe  vorgebildet  wurde.  Die  Heckerschen
Realschulen  in  Berlin  waren  weithin  bekannt,  und  es  lag  nahe,  auch
den  praktischen  Bedürfnissen  der  Mädchen  des  höheren  Bürgerstandes
  durch  ähnliche  Anstalten  Rechnung  zu  tragen.  So  entstand
nach  den  Vorbild  der  weiblichen  Abteilung  der  Berliner  Realschule  die

FE.  Vely:  Eine  Madchenschule  im  18.  Jahrhundert.  „Die  Frau“,  August  1902.