Geschichte  des  Mädchenbikdungswesens  in  Deutschland.  251

Jungfernschule  in  Breslau.  Die  Unterrichtsfächer  sind  dieselben  wic
in  Stuttgart,  sie  liegen  auch  hier  in  der  Hand  von  Lehrern,  und  der
Standescharakter  der  ganzen  Bildung  tritt  stark  hervor.  Es  handelt
sich  immer  mehr  um  eine  auf  Grund  der  Klementarschule  gelegentlich
  gesuchte  Fortbildung,  als  um  einen  geordneten  Schulorganismus.
Etwas  weiter  ging  schon  die  Schule,  die  als  eine  späte  Verwirklichung
  Basedowscher  Ideen  im  Jahre  1786  in  Dessau  gegründet
wurde.  Ihr  Zweck  war,  „den  Töchtern  der  mittleren  Stände  einen
für  das  häusliche  I.eben  brauchbaren  und  gemeinnützigen  Unterricht
zu  geben“;  wir  finden  ein  System  von  5  Klassen;  im  Mittelpunkt  steht
der  Handarbeitsunterricht,  alle  anderen  Fächer  werden  mit  Rücksicht
auf  den  späteren  häuslichen  Beruf  der  Frau  behandelt,  Naturgeschichte
und  Geographic  z.  B.  mit  Beziehung  auf  vaterländische  Produkte  und
hauswirtschaftliche  Gebrauchsgessenstände;  die  Stilübungen  haben  die
im  Haushalte  vorkommenden  Schreibercien  zum  Gegenstand  usw.
Auf  einer  ähnlichen  praktischen  Grundlage  beruht  die  Nordhäuser
städtische  Töchterschulc!);  der  Naturgeschichtsunterricht  umfaßt  dort
Waren-  und  Gewerbekunde  und  Gesundheitslehre;  als  ein  ganz  neues
man  könnte  fast  sagen  modernes  Fach  in  der  Mädchenschule  wird
Bürgerkunde  betrieben,  charakteristischer  Weise  im  Anschluß  an  den
Religionsunterricht;  das  Ziel  dieses  Unterrichtsfaches  war,  wie  der  Begründer
  der  Schule  es  ausspricht,  durch  die  Erweckung  des  Interesses
für  die  Gesetze  und  die  Verfassung  des  l.andes  die  Mädchen  zu  befähigen,
  „von  der  erhabenen,  bei  uns  Deutschen  leider  so  seltenen
Tugend  des  Gemeingeistes  erwärmt,  sie  wieder  so  früh  als  möglich
den  jungen  Herzen  ihrer  Kinder  einzuprägen“.  Nicht  ganz  so  vielseitig
  wie  die  Heysesche  Schule,  aber  auch  nach  diesen  praktischen
Grundsätzen  ist  die  „Universitätstöchterschule*  in  Göttingen  und  eine
damals  vielgenannte  „Industrie-Töchterschule“  in  Blankenburg  eingerichtet;
  hier  finden  wir  auch  schon  dieersten  Anfänge  einesT.iteraturunterrichtes,
  der  bis  dahin  als  I.chrgegenstand  der  Mädchenschule  nicht
vorkommt.  Was  wir  gelegentlich  aus  anderen  Städten  hören,  z.  B.
von  der  Hartungschen  Töchterschule  in  Berlin,  von  Töchterschulen
in  Stuttgart  oder  in  Zerbst,  das  zeigt  uns  ein  ähnliches  Bild.

Über  die  Art  des  Unterrichts  geben  die  erhaltenen  I.ehrbücher
einen  Begriff.  Daß  er  nach  Zielen  und  Methode  von  Grund  aus  anders
sein  müsse  als  der  der  Knaben,  daß  „die  verschiedene  Bestimmung
der  Knaben  und  Mädchen  eine  Verschiedenheit  in  der  Auswahl  der

I,  Wychgram  in  K.  .\.  Schmicdx  Geschichte  der  Erziehung,  Bd.  V,  2.8.  254.