2062  Das  Madchenschulwesen.

Materialien  im  Unterricht  und  auch  in  der  Methode  nötig  macht“,
ist  em  allgemein  anerkanntes  Dogma.  Einmal  berücksichtigt  man,  dat
die  Mädchen  weniger  Zeit  und  im  allgemeinen  weniger  Neigung  zum
Lernen  haben  und  versucht  deshalb,  ihnen  die  Dinge  in  Extrakten,
Übersichten  und  Auszügren  darzubieten,  ihnen  die  Schwierigkeiten  der
F.rarbeitung  wegzuräumen,  ihnen  die  Stoffe  durch  allerlei  Spielereien,
durch  erzwungene  Nutzanwendungen  auf  das  praktische  Leben  angenehm
  und  mundgerecht  zu  machen.  So  überwiegt  z.  B.  im  Geschichtsunterricht
  das  Anekdotenhafte.  So  gibt  es  ein  „Rechenbüchlein  vor
Weibesbilder  auf  ganz  besondere  und  neue  Art  zu  rechnen“  1723).
„Rechenbuch  für  cin  junges  Frauenzimmer"  (1791)  usw.,  und  den
Rechenstoff  bieten  Haushaltungsaufgaben.  Ein  anderes  Kennzeichen
des  Unterrichts  ist  der  Mangel  an  nationalem  Sinn.  Geschichte  ---das
  ist  eben  alte  Geschichte  und  vielleicht  noch  etwas  französische
Geschichte,  und  Zweck  dieses  Unterrichts  ist,  die  gelcehrten  Anspielungen
in  der  schönen  Literatur  verstehen  zu  lernen.  Überhaupt  ist  ein  gecwisser
  stofflicher  Materialismus  immer  noch  herrschend.  Wollte  man
auch  durch  den  Unterricht  auf  die  Sittlichkeit  einwirken,  an  eine
Schulung  des  Intellekts  durch  Erziehung  zu  eigenem  Denken  dachte
man  noch  kaum,  wenigstens  war  man  weit  davon  entfernt,  sie  zum
Prinzip  zu  machen.

Es  fehlt  uns  noch  an  Monographien  über  die  Schulgeschichtc
der  einzelnen  Städte,  um  im  cinzelnen  feststellen  zu  können,  ob  diese
Anstalten,  von  denen  wir  zufällix  Kenntnis  haben,  einen  Typus  darstellen,
  der  allgemein  Gültigkeit  hatte.)  Fraglos  aber  fehlt  es  an
den  allermeisten  Orten,  auch  aus  größeren  Städten  wird  uns  das  burichtet,
  an  jeder  schulmäßigen  Veranstaltung  für  einen  höheren
Mädchenunterricht;  bis  zu  Ende  des  Jahrhunderts  bleibt  die  höhere
Bildung  der  Mädchen  durchweg  dem  Hause  oder  kleineren  Privatanstalten
  überlassen.  Erst  eine  Umwandlung  des  öffentlichen  Lebens
und  der  sozialen  Anschauungen,  die  dem  Staate  und  im  Staate  dem
Bürgerstande  eine  größere  Bedeutung  gab,  führten  dazu,  daß  die  höhere
Mädchenschule  ein  Teil  des  öffentlichen  Unterrichtswesens  wurde.

4.  Die  Mädchenbildung  in  der  Volksschule  des  18.  Jahrhunderts.

Die  Berücksichtigung  der  Mädchenbildung  durch  die  öffentlichen

Elementarschulen  war  unterdessen  bedeutend  gestiegen.  Auch  hier

!)  Eingehender  behandelt  diese  Verhältnisse  Wychgram  in  Schmids  Geschichte
der  Erziehung  \,  2.