Geschichte  des  Müdchenbildungswesens  in  Deutschland.  8

waren  die  Pictisten,  vor  allen  Spener  und  Francke,  vorangegangen;
sie  hatten  das  soziale  Gewissen  der  höheren  Stände  wieder  geweckt
und  den  Blick  auf  die  Nöte  der  Volksschule  gelenkt,  der  niemand
half,  sich  aus  dem  Verfall  des  großen  Krieges  wieder  aufzurichten
Sowohl  in  den  Parochialschulen  zu  Berlin,  die  Spener  begründete,
als  auch  in  den  weithin  berühmten  Franckeschen  Stiftungen  ließ  man
den  Mädchen  dieselbe  Fürsorge  angedeihen  wie  den  Knaben.  Die
Unterrichtsziele  sind  hier  für  beide  gleich,  nur  daß  bei  den  Mädchen
mit  dem  Handarbeitsunterricht  dem  praktischen  Bedürfnis  der  späteren
Hausfrau  Rechnung  getragen  wurde.

Von  größter  Bedeutung  dafür,  daß  diese  gleiche  Berücksichtieung
  der  Knaben  und  Mädchen  auch  weiter  um  sich  griff,  war  die
Finführung  des  Schulzwangrses,  die  unter  dem  Einfluß  pietistischer
Ideale  praktischer  Nächstenliebe  zuerst  in  Preußen  (1736),  dann  in
den  übrigen  deutschen  Staaten  in  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts
  vollzogen  wurde.  Solange  die  Aneignung  einer  gewissen
Elementarbildung  nicht  durch  die  Behörden  erzwungen  wurde,
waren  natürlich  die  Eltern  höchstens  für  die  Knaben  bereit,  dem
Hause  Zeit  und  Arbeitskraft  zu  entziehen  und  sie  der  Schule  zu
opfen.  Noch  im  Jahre  1710  ließ  der  preußische  König  in  den  östlichen
  Provinzen  eine  Erhebung  anstellen,  ob  alle  Knaben  die  Schule
besuchten;  von  den  Mädchen  war  da  noch  nicht  die  Rede.  So  wird
es  die  Regel  gewesen  sein,  daß  die  Bildung  der  Mädchen  auf  dem
Lande  allerhöchstens  bis  zum  Lesen,  in  den  seltensten  Fällen  bis  zum
Schreiben  reichte.  Aus  Hessen  z.  B.  wird  bezeugt,  daß  auf  den
Dörfern  die  wenigsten  Männer  schreiben,  die  wenigsten  Frauen  auch
nur  lesen  konnten!).

Dadurch,  daß  nun  der  Schulzwang  ohne  Unterschied  für  beide
Geschlechter  eingeführt  wurde,  war  die  Mädchenbildung  der  Willkür
beschränkter  und  stumpfer  Bevölkerungskreise  entzogen  und  eine  gesetzliche
  Sicherheit  dafür  gewonnen.  Freilich  blicb  sie  da,  wo  sie
von  der  Knabenbildungr  getrennt  war,  auch  hinter  der  Knabenbildung
zurück,  schon  deshalb,  weil  ihr  naturgemäß  die  schlechteren  L.ehrkräfte
  vorbehalten  waren.  Die  wenigen  Versuche,  die  mit  der  Ausbildung
  von  Lehrern  gemacht  wurden,  reichten  ja  nicht  einmal  zu
um  Knabenschulen  mit  geeigneten  Kräften  zu  versorgen;  für  die
Mädchenschulen  konnte  nur  ein  notdürftiser  Behelf  gefunden  werden,

!)  Zu  diesem  Abschnitt  vgl.  Helene  Lange  und  Gertrud  Bäumer:  Handbuch
der  Frauenbewegung.  Da.  II,  S.  HM.