KAFR  |  Das  Mädchenschulwesen.

sei  es,  wie  schon  in  der  Reformationszeit,  durch  den  Kirchner  oder
Küster,  der  die  Mädchen  nebenamtlich  und  wie  cs  scine  Zeit  gestättete,
  ein  wenig  unterrichtete,  sei  es  durch  die  Frau  des  l.chrers,
die  hier  und  da  mit  dem  Uhnterrichte  der  Mädchen  beauftragt  wurde.
Daß  z.  B.  der  Kirchner,  der  die  Mädchen  unterrichtete,  gar  nicht
einmal  als  Lehrer  angesehen  wurde,  zeigt  uns  eine  Anekdote  aus
der  Schulgeschichte  einer  brandenburgischen  Stadt.  Ein  wohlhabender
Bürger  hatte  den  l.chrern  ein  Legat  ausgesetzt;  der  Mädchenlehrer
wurde  aber  von  der  Verteilung  ausgeschlossen  und  bedeutet,  er
gehöre  nicht  zu  den  Lehrern.  An  eine  Vorbildung  der  Lehrerinnen
für  den  Volksschuldienst  denkt  auch  jetzt  noch  niemand,  obgleich
mit  der  Ausbildung  von  Lehrern  schon  hier  und  da  begonnen  wurde.
Sehr  charakteristisch  für  die  Zeit  ist  cin  Aufruf,  den  einmal  cin
„Patriot“  in  einer  Frauenzeitschrift  des  18.  Jahrhunderts  abdrucken
läßt  und  ın  dem  er  für  eine  von  ihm  geplante  Mädchenschule  eine
l.chrerin  sucht;  er  erbictet  sich,  ihr  die  nötigen  Kenntnisse  für  ihr
Amt  selbst  unentgeltlich  beizubringen.  In  den  öffentlichen  Mädchenschulen
  ist  es  dem  Schulmeister  auch  jetzt  zuweilen  ausdrücklich  gestattet,
  seine  Frau  helfen  zu  lassen,  z.  B.  in  Sachsen.  Die  Arbeit
dieser  Frauen  wird  ın  den  Inspektionsberichten  gelegentlich  rühmend
hervorgehoben;  ces  wird  erwähnt,  daß  man  bei  ihnen  „noch  cine
ziemliche  Geschicklichkeit  und  Erkenntnis“  gefunden  habe,  und  es
sei  kein  Grund,  heißt  es  in  einem  Bericht,  diese  Weiber  in  ihren
Hausgemeinden  schweigen  zu  lassenl),  Auch  darum  war  die  Mitarbeit
  der  Frauen  in  der  Mädchenschule  häufig  ganz  unentbehrlich,
weil  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ein  starkes  Gewicht  auf  den
Industrieunterricht  gelegt  wurde.  So  wird  z.  B.  schon  17%  im  Hochstift
  Würzburg  der  Industrieunterricht  für  Knaben  und  Mädchen  ausdrücklich
  in  den  Lehrplan  der  Volksschule  aufgenommen;  der  Unterricht
  erstreckte  sich  auf  Spinnen,  Stricken  und  Nähen,  für  die  Knaben
auf  Obst-  und  Gartenbau;  Stricken  hält  man  übrigens  zuweilen  auch
bei  den  Knaben  für  außerordentlich  nützlich.

Auf  dem  Lande  bleibt  auch  jetzt  noch  der  Unterricht  der
Mädchen  hinter  dem  der  Knaben  häufig  zurück.  Ja,  es  gibt  noch
l.eute  genug,  die  das  für  ganz  richtig  halten.  Noch  1799  hatte  ein
bekannter  und  einflußreicher  Berliner  Theologe  gemeint,  er  bezweifle
den  Nutzen,  den  das  Lesenkönnen  dem  Läandmanne  und  besonders

I),  Konrad  Fischer:  Geschichte  des  deutschen  Volksschullehrerstandes.  Bd.  1,
S.  256  1.