Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  “a

dem  weiblichen  Geschlechte  bringe!).  Auch  der  bekannte  volkswirtschaftliche
  Popular-Schriftsteller,  Justus  Möser,  dessen  staatswissenschaftliche
  Anschauungen  z.  B.  auf  den  jungen  Goethe  von  so  großem
Finfluß  waren,  hält  es  für  viel  wichtiger,  daß  die  Landbevölkerung
in  einem  Tage  drei  Strümpfe  „knütten“  lerne,  als  das  Lesen  und
Schreiben.  In  einem  Gutachten  der  westpreußischen  Regierung  aus
dem  Jahre  1787  heißt  es  noch,  daß  es  für  die  Mädchen  auf  dem
Lande  wohl  bei  Lesen  und  Religion  sein  Bewenden  haben  könne”).
Da  kann  man  sich  nicht  wundern,  wenn  trotz  des  Schulzwanges  die
Flementarbildung  der  Mädchen  hier  und  da  noch  ziemlich  nachlässig
betrieben  wurde.  Die  Trennung  der  Geschlechter  wird  damals  überall
noch  für  wünschenswert  gehalten  und  nur  der  praktischen  Schwierigkeiten
  wegen  nicht  durchgeführt.  Im  ganzen  genommen,  läßt  sich
aber  die  Entwicklung  der  Mädchenelementarbildung  im  18.  Jahrhundert
  dadurch  kennzeichnen,  daß  der  Unterschied  gegenüber  der
Knabenbildung  mehr  und  michr  verschwindet  und  daß  wenigstens
das  Ideal  einer  für  beide  Geschlechter  gleichmäßigen  Volksbildung,
die  durch  ordnungsmäßig  vorgebildete  Lehrkräfte  vermittelt  und
deren  Durchführung  gesetzlich  erzwungen  wird,  aufgestellt  ıst  und
nach  Kräften  von  den  Regierungen  durchgeführt  wird.

IN.
Die  Geschichte  der  Mädchenbildung  im  18.  Jahrhundert.

I.  Die  höhere  Mädchenschule  als  Zweig  des  öffentlichen
Unterrichtswesens.

Am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  treten  im  geistig-sozialen  Leben
des  deutschen  Volkes  Einflüsse  auf,  die  für  die  Gestaltung  der
Mädchenbildung  in  mehrfacher  Hinsicht  bedeutungsvoll  werden.  Das
ist  einmal  der  Wandel  der  politischen  Anschauungen  durch  die  französische
  Revolution.  Die  geistige  Bewegung,  die  in  ihr  zur  politischen
Krise  kam,  weckt  auch  in  dem  deutschen  Publikum,  das  bis  dahin
von  seinem  häuslichen  und  literarischen  L.eben  ganz  absorbiert  war,
ein  staatsbürgerliches  Bewußtsein,  cine  lebhaftere  Teilnahme  für
die  Schicksale  des  Volkes  und  für  die  Organisation  der  Gesellschaft.
Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  und  die  staatsrechtlichen  Theorieen
hatten  mehr  und  mehr  den  Bürgerstand  als  den  Mittelpunkt  der

2.8.6.  Sack:  Über  die  Verbesserung  des  Landschulwesens.  Berlin  179%,
Seite  97.

*)  Annalen  des  preußischen  Schul-  und  Kirchenwesens.  II  Be,  1.  Heft,  S.  113.