Geschichte  des  Madchenbiklungswesens  in  Deutschland.  207

höhere  Bildung,  besonders  der  Frau,  die  französische  Sprache  in  den
Mittelpunkt  zu  stellen  habe;  schr  stark  betont  er  den  nationalen
Charakter,  den  auch  die  Frauenbildung  zu  tragen  habe,  und  will  den
französischen  Unterricht  überhaupt  nur  als  cine  Konzession  an  die
einmal  noch  geltenden  Gewohnheiten  und  Bedürfnisse  der  Gesellschaft
betrachtet  wissen.  Für  den  Handarbeitsunterricht  wünscht  er  die
Heranzichung  von  L.ehrerinnen,  die  er  aber  nicht  nur  um  der  technischen
  Fertigkeit,  sondern  vor  allem  auch  um  ihres  erziehlichen  Kinflusses
  willen  an  der  Mädchenbildung  beteiligt  wissen  will.

Sein  Buch  regt  den  preußischen  Staatminister  von  Massow,
der  damals  noch  Regierungspräsident  von  Pommern  war,  zu  einem
gleichen  Entwurfe  an.  Über  die  Mädchenschule  findet  sich  in  diesem
Entwurf  nachfolgende  Kritik:  !)

„Was  in  Anschung  der  Schulen  für  das  weibliche  Geschlecht  vorgeschlagen  wird,
verdient  um  so  mehr,  soviel  es  die  Umstände  irgend  erlauben,  benutzt  zu  werden,  als
der  Staat  sich  bisher  wenig  oder  gar  nicht  um  dasjenige  bekümmert  hat,  was  zu  der
diesen  Geschlecht  eigentümlichen  Bildung  beitragen  könnte.  —  —  Man  wird  also  gleichfalls
bei  den  Vorbereitung  ti  zur  dereinstigen  Krrichtung  eines  das  Ganze  einer
Provinz  umfassenden  Schul-  und  Frzichungssystems  diese  wichtigen  Punkte  nicht  vergessen,
  und  vor  der  IHand,  soviel  es  sein  kann,  dahin  schen  müssen,  daß  (die  Töchter
der  gebildeten  Stände  mehr  Gelegenheit  erhalten,  sich  in  öffentlichen  Instituten  die
ihrem  Beruf  als  Hauswirtinnen  und  Mütter  angemessenen  und  nötigen  Kenntnisse  und

Fertigkeiten  zu  erwerben.“

So  wünscht  Massow,  dat  überall  Parallelklassen  für  Mädchen,
sowohl  an  die  Landschulen  und  die  städtischen  Bürgerschulen,  als
auch  an  die  für  die  höheren  Stände  einzurichtenden  Realschulen  angeschlossen
  werden.  Ähnliche  Grundsätze  vertreten  die  amtlichen
Berichte  der  pommerschen  und  auch  der  westpreußischen  Regierung.
Denselben  Wünschen  begegnen  wir  in  der  pädagogischen  Literatur
der  Zeit  überall  und  in  allen  Teilen  Deutschlands.  Eine  Schrift,  die
diese  nationalen  oder,  wie  man  damals  sagte,  patriotischen  Gesichtspunkte
  für  die  Mädchenerziehung  in  systematischer  Weise  anwendete,
ist  das  „System  der  weiblichen  Erziehung“  von  Johann  Daniel
Hensel.)  Nach  einer  Einleitung,  die  die  Notwendigkeit  der  weiblichen
  Erziehung  gegen  alle  denkbaren  Einwürfe  unständlich  verteidigt,
  behandelt  der  Verfasser  den  Zweck,  die  Mittel  und  den
Nutzen  einer  gründlicheren  Frauenbildung  nach  allen  nur  möglichen
Gesichtspunkten.  Charakteristisch  für  die  neue  Auffassung  der

I}  Veröffentlicht  in  den  „Annalen  des  preußischen  Schu-  und  Kirchenweseus“,
herausgegeben  von  Gedike.  Berlin  1800.  1.  Bd.,  S.  76.
3)  System  der  weiblichen  Erziehung  besonders  für  den  mittleren  und  höheren

Stand.  Halle  1787.