IH  Das  Mädchenschulwesen.

Mädchenbildung  ist  seine  Fassung  für  den  Zweck  der  weiblichen
Erziehung:  die  Frau  solle  eine  gute  und  glückliche  Weltbürgerin
werden.  Praktische  Bedeutung  hat  diese  schr  komplizierte  Mädchenschul-Pädagogik
  wohl  kaum  gehabt;  aber  sie  ist  als  ein  Ausdruck
der  neuen  Gedanken  von  großen  historischen  Interesse.

Auch  von  pädagogischer  Seite  kam  ein  mächtiger  neuer  Einfluss
hinzu,  der  das  Interesse  für  die  Erziehung  der  Frau  um  die  Wende
des  Jahrhunderts  vertiefte  und  lebendiger  machte;  es  ist  das  Auftreten
  Pestalozzis.  Seine  Pädagogik  zeigte,  wie  alle  Keime
geistiren  und  sittlichen  \Verdens  in  der  jungen  Generation  durch
die  Mutter  gepflanzt  werden,  und  sie  lenkte  die  Aufmerksamkeit
auf  die  Bedeutung  der  Wohnstube  und  ihrer  Herrin,  der  Frau,  für
dlas  Glück  der  Familie  und  die  Wohlfahrt  des  Gemeinwesens.  In
„Lienhard  und  Gertrud“  führt  er  den  L.chrer  selbst  zu  der  schlichten
Mutter,  damit  er  von  ihr  sich  den  Weg  zur  Kindesseele  zeigen
lasc.  „Die  Grundlage  aller  reinen  Naturbildung  der  Menschheit“
heißt  es  bei  ihm  immer  wieder,  „ist  das  Elternhaus“.  „Der  menschliche
  Unterricht“,  sagt  er  in  „Wie  Gertrud  ihre  Kinder  lehrt“,  „bleibe
lange  die  Sache  des  Weibes,  ehe  er  die  Sache  des  Mannes  zu  werden
beginnt.  Mit  diesen  Worten“,  fährt  er  fort,  „führen  mich  die  ewigen
Gesetze  der  Natur  selbst  wieder  an  deine  Hand,  Mutter;  ich  kann
meine  Unschuld,  meine  Liebe,  meinen  Gehorsam,  ich  kann  die  Vorzüge
  meiner  edleren  Natur  beim  neuen  Eindrucke  der  Welt  alle,
alle  nur  an  deiner  Seite  erhalten.“  Es  ist  begreiflich,  daß  diese  Gedanken
  auf  die  Entwicklung  der  Mädchenschule  von  größtem  Einflufs
  wurden,  besonders,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  mit  welchem
Enthusiasmus  in  Deutschland  Pestalozzis  Pädagogik  gewissermaßen
als  ein  Heilmittel  für  alle  sozialen  Nöte  und  Schäden  begrüßt  wurde.
Durch  nichts  wird  dieser  eigentümliche  Enthusiasmus  vielleicht
charakteristischer  beleuchtet,  als  durch  die  Geschichte  des  Präsidenten
der  Oberfnanzkammer  von  Württemberg,  Karl  August  von
Wangenheim.  Aus  Begeisterung  für  Pestalozzis  Ideen  gründete  er
selbst  eine  kleine  Mädchenschule,  in  der  er  seine  Töchter  und  deren
l'reundinnen  erzog,  und  ging  in  dieser  Tätigkeit  so  auf,  daß  der
König  ihm  sagen  lassen  mußte,  er  habe  einen  Staatsmann  und  nicht
einen  Schulmeister  berufen.

Im  allgemeinen  war  aber  auch  diese  Anregung  noch  nicht  stark
genug,  um  wirklich  zu  einer  praktischen  Inangrifnahme  einer  höheren
Mädchenbildung  durch  den  Staat  oder  auch  nur  durch  die  Kommunen
  zu  führen;  nach  wie  vor  behauptete  die  Privatschule  das  Feld,