Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  U

und  in  dieser  war  immer  noch  der  französische  Einfluß  beinahe  der
vorherrschende.  Noch  zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts  waren  von  den
ca.  dreißig  besseren  Berliner  Privatinstituten  etwa  die  Hälfte  unter
der  Leitung  von  Französinnen  oder  Franzosen,  und  sicherlich  haben
die  Emigranten  dazu  beigetragen,  dafs  das  französische  Element  in
der  Mädchenschule  wieder  stärker  hervortrat.  Von  den  sittlichen
Gefahren  dieser  oberflächlichen,  ja  geradezu  frivolen  Institutserziehung
erzählt,  selbstverständlich  übertreibend,  aber  doch  gewiß  auf  der
Wirklichkeit  fußend,  cin  Aufschen  erregender  Roman  der  Zeit
„Julchen  Grünthal,  eine  Pensionsgeschichte";!)  es  ist  die  Geschichte
eines  unverdorbenen,  natürlichen  und  naiven  Tandkindes,  das  durch
eines  der  von  der  guten  Gesellschaft  anerkannten  französischen  Institute
  körperlich  und  sittlich  zu  Grunde  gerichtet  wird.

Das  wurde  alles  erst  anders  durch  den  nationalen  Niedergang
und  die  nationale  Erhebung  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Die
sewaltige  Lehre,  die  jene  Jahre  der  Fremdherrschaft  dem  deutschen
Volke  gebracht  hatten,  hat  Fichte  für  die  geistigen  Aufgaben  des
Volkes  fruchtbar  gemacht.  „Ich  hoffe,“  heißt  es  in  den  Reden  an
die  deutsche  Nation,  „daß  ich  einige  Deutsche  überzeuge  und  sie
zur  Einsicht  bringe,  daß  cs  allein  die  Erziehung  sei,  die  uns  retten
könne  von  allen  Übeln.“  Und  ähnlich  hat  der  Freiherr  von  Stein
nachher  den  Weg  der  Regeneration  des  Volkes  angedeutet:  „Wird
durch  eine  auf  die  innere  Natur  des  Menschen  gegründete  Methode
jede  Geisteskraft  von  innen  heraus  entwickelt  und  jedes  edie  T.ebznsprinzip
  angeregt  und  genährt,  alle  einseitige  Bildung  vermieden,  und
werden  die  bisher  oft  mit  größter  Gleichgültigkeit  vernachlässigten
Triebe,  auf  denen  dıe  Kraft  und  die  Würde  des  Menschen  beruht,
sorgfältig  gepflegt,  so  können  wir  hoffen,  ein  physisch  und  moralisch
kräftiges  Geschlecht  aufwachsen  und  eine  bossere  Zukunft  sich  auftun
zu  sehen.“

So  also  wurde  mit  neuem  Eifer  und  neuer  Energie  die  Nationalerziehung
  in  Angriff  genommen.  Von  besonderer  Bedeutung  ist  cs
dabei,  daß  die  Städte  zu  selbständiger  Verwaltung  ihrer  Angelegenheiten
  herangezogen  wurden.  Daß  man  ihrer  Initiative  auf  dem  Gebiete
  der  Schule  etwas  zutrauen  konnte,  zeigt  das  Aufblühen  des
städtischen  Schulwesens  in  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts.
  Auch  die  höhere  Mädchenschule  war  an  dieser  Blüte  be-I)

  Anonym  erschienen  Berlin  1784.  Die  Verfamern  ot  Fried.  Ilel,  Unger.
Vpl.  darüber  A.  v.  Hlanstein  a.  a.  ©.  Ba.  11,  8.  300  tt.