ITUu  Das  Mädchen-chulwesen.

teiliet;  bis  zum  Jahre  1820  waren  22  öffentliche  höhere  Mädchenschulen
  in  Deutschland  gegründet,  von  1821  bis  1840  24,  von  1841  bis
1860  47;1)  fast  alle  diese  Schulen  sind  städtische  Veranstaltungen,  die
teils  wie  die  Knabenrealschulen  in  unmittelbarem  Anschluß  an  die
Bedürfnisse  des  höheren  Bürgerstandes  von  den  Kommunen  geschaffen
  wurden,  teils  aus  unzureichenden  Privatinstituten  hemorgingen.


Um  das  Wesen  und  den  Inhalt  der  Bildung,  die  in  diesen  Anstalten
  den  Mädchen  dargeboten  wurde,  richtig  zu  erfassen,  muß  man
sich  aber  noch  eine  andere  geistige  Strömung  vergegenwärtigen,  die
vor  allem  in  dem  literarischen  Leben  der  Zeit  ihren  Ursprung
hatte.  Es  kann  hier  freilich  nicht  im  einzelnen  gezeigt  werden,  wie
durch  die  Verfeinerung  der  psychologischen  Auffassung,  durch  die
Vertiefung  des  Verständnisses  für  alles  Individuelle,  zu  der  die  Blüte
der  Nationalliteratur  das  deutsche  Volk  erzogen  hatte,  auch  das
Wesen  der  Frau  feiner  und  tiefer  erfaßt  werden  konnte;  es  kann
nicht  im  einzelnen  gezeigt  werden,  was  der  Individualismus,  den  die
geistige  Aristokratie  des  18.  Jahrhunderts  der  Lebensanschauung  der
Gesamtheit  geschenkt  hatte,  für  die  Wesensentwicklung  der  Frau  bedeutete.
  Als  die  Erben  dieser  feineren  Kultur  hatten  die  Romantiker,
hatte  Friedrich  Schlegel,  und  in  abgeklärterer  Form  Schleiermacher
ein  neues  Frauenideal  geschaffen.  Es  beruhte  zugleich  auf  cinem
lebendigen  künstlerischen  Gefühl  der  fundamentalen  Verschiedenheit
der  Geschlechter  und  auf  der  Anerkennung,  daß  diese  Verschiedenheit
für  die  geistigen  Bedürfnisse  der  Frau  keine  Einschränkung  bedeuten
könne.  „Ich  glaube  an  die  Macht  des  Willens  und  der  Bildung,
mich  dem  Unendlichen  wieder  zu  nähern,  mich  aus  den  Fesseln  der
Mißbildung  zu  erlösen  und  mich  von  den  Schranken  des  Geschlechtes
unabhängig  zu  machen“,  so  läßt  Schleiermacher  die  „edle  Frau“  in
ihrem  „Katechismus  der  Vernunft‘?)  bekennen.  Später  hat  er  seine
Auffassung  von  dem  Wesen  der  Frau  auf  die  Pädagogik  übertragen?)
Er  gibt  zu,  daß  die  Kulturentwicklung  zu  einer  immer  größeren  Übereinstimmung
  der  Mädchenbildung  mit  der  der  Knaben  führen  werde,
sowie  zu  einem  immer  stärkeren  Hervortreten  des  Weibes  im  öffentlichen
  Leben;  aber  er  hält  doch  daran  fest,  daß  die  Beziehung  der
Frau  zum  Staat  und  zu  den  Aufgaben  der  Gssamtheit  keine  unmittel-I)

  Nöldeke:  Von  Weimar  bis  Berlin.  1888.
2)  Dilthey:  Leben  Schleiermachers.  1.  Bd.  Berlin  1870.  Anhung,  S.  9.
3)  Schleiermacher.  Frziehungsiehre.  Herausgegeben  von  C,  Platz.  langensalzı

  1871.  5.  80  ff.