tseschichte  des  Mädchenbild

in  Deutschland.  371

bare  sei,  sondern  dafs  die  Frau  nur  „die  Teilnahme  des  Mannes  an
allen  großen  l.ebensgemeinschaften  abspiegle“.  Ihre  Erziehung  gehört
deshalb  ausschließlich  der  Familie  an;  von  den  beiden  Aufgaben  der
Erziehung,  nämlich  der  „Entwicklung  der  persönlichen  Eigentümlichkeit“
  und  dem  „Tüchtigmachen  für  die  größeren  Lebensgemeinschaften“
  kommt  seiner  Änsicht  nach  nur  die  erste  für  die  Mädchen
in  Betracht.  Auch  cr  betont  das  Instinktive,  Naturverwandte  in  der
Frau  schr  stark  und  würde  es  beklagen,  wenn  der  „intelligible
Despotismus“  und  die  „formlose  Gewalt“,  zu  deren  Darstellung
die  Frau  von  der  Natur  bestimmt  sei,  verloren  gehen  würde.  So
fehlt  seiner  Pädagogik,  die  überhaupt  mehr  dem  ästhetischen  Bedürfnis
  cines  feinen  Individualismus  Rechnung  trägt,  als  die  Bewältigung
  der  Massen  durch  und  für  die  Kultur  anstrebt,  soweit  sie
sich  auf  die  Mädchenbildung  bezicht,  der  Zug  zum  praktischen  Leben,
die  Betonung  der  bürgerlichen  Pflichten,  die  auch  der  Frau  obliegen
und  die  der  Rationalismus  zwar  einscitirz,  aber  doch  in  gesundem
Sinne  als  einen  wichtigen  Teil  der  Erziehung  in  Betracht  gezogen  hätte.

Eine  ähnliche  verfeinerte  Betrachtung  der  Aufgaben  der  Frauenbildung
  finden  wir  in  Jean  Pauls  Levana.  Auch  ihn  steht  über  der
weiblichen  und  mütterlichen  die  menschliche  Bestimmung  der  Frau.
„Bevor  und  nachdem  man  Mutter  ist“,  sagt  er,  „ist  man  ein  Mensch;
die  mütterliche  Bestimmung  aber  oder  gar  die  cheliche  kann  nicht
die  menschliche  überwiegen  oder  ersetzen,  sondern  sie  muß  Mittel,
nicht  der  Zweck  derselben  sein.“

So  wendet  er  sich  auch  scharf  gegen  den  Grundsatz  Rousscaus,
daß  das  Weib  nur  für  den  Mann  gebildet  werden  solle.  „Versündigt
euch  nicht  an  den  Töchtern,“  sagt  er  geradezu,  „daß  ihr  diesen  das,
was  Wert  an  sich  hat,  die  Kunst,  die  Wissenschaft  oder  gar  das
Heilige  des  Herzens  auch  nur  von  weitem  als  Männerköder,  als  Jagdzeug
  zum  Männerfang,  geist-  und  gottlästernd  zeigt  und  anempfehlt;
es  so  gebrauchen,  heißt  mit  Diamanten  nach  Wild  schießen  oder  mit
Szeptern  nach  Früchten  werfen.“  Worin  es  ihm  in  der  Mädchenerziehung
  vor  allem  zu  fehlen  scheint,  das  sagt  er  mit  dem  glücklichen
Ausdruck,  es  solle  mehr  lL.ebens-  und  Arbeitsgymnastik  in  das
Dasein  des  Weibes  getragen  werden.  Er  wendet  sich  scharf  gegen
die  übliche  geisttötende  Frauenzimmerarbeit,  dasSticken  und  Nähen  usw.
bei  der  der  müßig  gelassene  Geist  entweder  dumpf  verrostet  oder
ungesund  träumt.  Auch  in  der  Mädchenerziehung  sollte  nach  seiner
Ansicht  eine  gründliche  intellektuelle  Bildung  angestrebt  werden,  die
z.  B.  auch  Mathematik  umfassen  könnte.  Von  einer  öffentlichen  oder