372  Das  Mädchenschulwesen.

Institutserzichung  der  Mädchen  will  Jean  Paul  nichts  wissen;  wie
Schleiermacher,  so  hält  auch  er  das  Haus  für  den  einzig  geeigneten
Ort  der  Frauenbildung.

Was  das  Wirken  dieser  Männer,  was  die  feinere  Auffassung  für
die  geistigen  Ansprüche  der  Frau,  der  sie  Ausdruck  gaben,  für  die
Mädchenerziehung  bedeutete,  das  finden  wir  in  ganz  besonders  reifer
und  vielseitiger  Weise  behandelt  in  einer  Erziehungsschrift,  die  wir
wohl  als  den  bedeutendsten  Beitrag  zur  Mädchenschulpädagogik  der
Zeit  anschen  dürfen;  es  ist  das  Buch  von  Betty  Gleim:  „Über  Erziehung
  und  Unterricht  des  weiblichen  Geschlechtes."!)  Betty  Gleim
steht  durchaus  auf  dem  Boden  der  Anschauung,  daß  die  Geschlechter
nach  ihrem  geistigen  Wesen  fundamental  verschieden  geartet  sind:
sie  betont  nur  stärker,  als  es  z.  B.  Kant  getan  hatte,  die  aktive
Seite  der  weiblichen  Geschlechtsindividualität.  Sie  sieht  in  der  sensitiveren
  Konstitution  der  Frau  nicht  Schwäche,  sondern  die  Fähigkeit,
von  den  Eindrücken  der  Außenwelt  leichter  ergriffen  zu  werden  und
diesen  Eindrücken  schneller  nachzugeben.  In  ihrer  Auffassung  von
der  Bedeutung  der  Frau  für  Familie  und  Volk  wie  in  ihren  methodischen
  Ansichten  zeigt  ste  sich  als  eine  feinfühlige  Jüngerin  Pestalozzis.
Wenn  sie  auch  der  Ansicht  ist,  daß  die  Frau  zur  Frau  erzogen  werden
muß,  so  meint  sie  doch,  daß  sie  zur  Erfüllung  ihrer  weiblichen  Bestimmung
  derselben  Weite  des  Horizontes,  derselben  intellektuellen
und  sittlichen  Selbständigkeit  bedürfe,  wie  der  Mann  für  seine  Aufgaben,
  und  sie  meint,  dafs  diese  Eigenschaften  auch  nur  durch  dieselben
  Mittel  geistiger  Kultur  herausgebildet  werden  können.  Vor
allem  aber  wendet  sie  sich  wie  Jean  Paul  und  Schleiermacher  gegen
den  Grundsatz  Rousscaus,  daß  das  Wesen  der  Frau  aufzche  in  ihrem
Abhängigkeitsverhältnis  zum  Mann.  Die  Erkenntnis  der  wirtschaftlichen
  Lage  der  Unverheirateten,  aus  der  heraus  ja  z.  B.  auch  schon
Basedow  den  Gedanken  einer  Berufsbildung  für  die  Frau  aufgeworfen
hatte,  führt  auch  Betty  Gleim  in  ihren  Forderungen  über  den  Rahmen
einer  alleemein  menschlichen  und  spezifisch  weiblichen  Erziehung
hinaus  und  läßt  sie  eine  „bürgerliche  Erziehung“  fordern,  d.  h.  cine
‚Ausbildung  für  einen  der  Natur  der  Frau  angepaßten  Beruf.  In
deutlichem  Gegensatz  zu  Schleiermacher  verlangt  Betty  Gleim,  dass
der  Staat  die  weibliche  Erziehung  übernehme,  so  gut  wie  die  der
Knaben;  sie  steht  damit  sicher  unter  dem  Einfluß  von  Fichtes  Gedanken
  über  die  Nationalerziehung.

I)  Berlin  1810.