370  Das  Mädchenschulwesen.

l.chranstalten  sind  dem  Mädchenschuldirektor  Schornstein  aus
Flberfeld  zu  verdanken,  der  im  Jahre  1848  cine  Zeitschrift  begründete,
die  „Blätter  für  weibliche  Bildung‘.!,  In  demselben  Jahre  tagte,  von
ihn  einberufen,  eine  Versammlung  von  Mädchenlchrern  in  Elberfeld,
die  über  folgende  Grundsätze  beriet:  1.  Notwendigkeit  einer  inneren
und  äußeren  Einheit  der  höheren  Mädchenschule  und  Mittel,  dieselbe
herbeizuführen;  2.  Stellung  der  Mädchenschule  neben  anderen
Unterrichtsanstalten;  3.  Leitende  Grundsätze  der  Mädchenerzichung
und  des  Unterrichts.  Den  Forderungen,  über  die  man  sich  cinigte,
lag  der  Gedanke  zugrunde,  dafs  der  Staat  für  die  „in  jeder  Hinsicht
gleichberechtigte  Hälfte  der  Jugend“  nicht  mehr  und  nicht  weniger
zu  tun  verpflichtet  sei,  als  für  die  Jünglinge;  die  letzte  Konsequenz  dieses
Grundsatzes  war,  daß  die  höhere  Mädchenschule  Staatsanstalt  werden
müsse.  Aber  die  Zeit,  dieses  Programm  in  die  Wirklichkeit  umzusetzen,
schien  doch  noch  nicht  gekommen;  die  Zeitschrift  brachte  es  nur  auf  zwei
Jahrgänge,  und  die  Versuche  zur  Organisation  der  Lehrer  an  den  höheren
Mädchenschulen  entwickelten  sich  nicht  weiter.  First  zwanzig  Jahre
später  beginnen  diese  Versuche  von  neuem.  Der  Direktor  einer
Berliner  Privatschule  begründete  mit  der  Zeitschrift  „Stoa“;  einen
neuen  geistigen  Mittelpunkt  für  die  Arbeit  der  Mädchenschulpädagogen,
bahnte  einen  Austausch  der  Programme  der  verschiedenen  Anstalten
an,  gab  statistische  Überblicke  über  die  bestehenden  Schulen,  die
meist  voneinander  wenig  wußsten,  und  regte  dadurch  von  neuem  auch
zu  Gründungen  von  Vereinen  an,  die  den  Interessen  der  höheren
Mädchenschule  dienen  sollten.  Aber  auch  die  Stoa  ging  nach  zweijährigem
  Bestehen  ein.  Ftwas  längere  Zeit  hielt  sich  eine  „Vierteljahrsschrift
  für  höhere  Töchterschulen“,*};  die,  allerdings  mit  häufigen
Wechsel  des  Titels  und  des  Herausgebers,  es  auf  zehn  Jahrgänge
brachte.

Selbstverständlich  lag  es  in  der  Richtung  der  Entwicklung,  dit
sich  trotz  aller  Verschiedenheiten  cine  gewisse  Gemeinsamkeit  der
Ziele  und  der  Art  des  Unterrichtes  in  der  höheren  Mädchenschule
herausstellte.  Aber  noch  als  das  Deutsche  Reich  geeinigt  wurde,  inı
Jahre  1871,  kann  man  cigentlich  nicht  sagen,  daß  eine  „deutsche
höhere  Mädchenschule“  existierte,  wenn  man  nämlich  darunter  cine
ihrem  äußeren  Wesen  und  dem  Umfang  ihres  Unterrichtes  nach

I}  Herausgegeben  von  Friedländer  und  Schornstein.  Elberfeld  1849  u.  1850.
°)  Zeitschrift  für  die  Interessen  der  deutschen  Töchterschulen.  Berlin  1868  u.  1869,
 Begrundet  von  Prowe  und  Schultze.  Thorn  1868  fi.