Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  371

einigermaßen  gleichmäßige  Schulkategorie  verstehen  will.  Was  die
äußere  Organisation  betraf,  so  unterstanden  die  Mädchenschulen  in
der  Mchrzahl  der  deutschen  Bundesstaaten  den  allerverschiedensten
Aufsichtsbehörden,  meist  denen  der  Volksschulen,  zuweilen  den
Konsistorien,  zuweilen  aber  auch  gar  keiner  öffentlichen  Aufsicht.
In  Preußen  z.  B.  war  im  Jahre  1811  durch  die  Gewerbefreiheit  die
Staatsaufsicht  über  die  Privatschulen,  die  im  Landrecht  gefordert
worden  war,  wieder  aufschoben  worden,  und  erst  die  Mißstände,  die
sich  da  eingestellt  hatten,  hatten  1834  zu  einer  Verfügung  geführt,
die  die  behördliche  Konzession  der  Schule  wieder  an  den  Nachweis
einer  gewissen  wissenschaftlichen  und  moralischen  Befähigung  des
Leiters  knüpfte.t)  Aber  in  den  Akten  des   Unterrichtsministeriums
  kam  die  höhere  Mädchenschule  damals  überhaupt  noch
kaum  vor.?ı

Die  Verteilung  der  Fächer  war  noch  autßerordentlich  ungleichmäßig;
  nach  ciner  an  33  höheren  Mädchenschulen  vorgenommenen
Erhebung  schwankten  z.  B.  die  für  Religion  bewilligten  Stunden
zwischen  6,48  und  12,720,  der  gesanıten  Unterrichtszeit,  die  für
Deutsch  zwischen  16,86  und  25,42"/,  für  Französisch  zwischen  9,74
und  20,43%,  usw.;  Naturwissenschaften  nehmen  in  der  Mädchenschule
inmer  noch  nur  einen  schr  kleinen  Raum  cin,  zwischen  1,70  und
6,19°;,  Handarbeiten  innmer  noch  einen  ziemlich  großen,  zwischen
5,09  und  20,43%,.  Mit  der  grötste  Mißstand,  unter  dem  die  höhere
Mädchenschule,  hauptsächlich  ihrer  unsicheren  Stellung  wegen,  litt,
war  überdies  der  Mangel  an  geeignetem  l.chrpersonal.  Akademische
l.chrer  fanden  sich  wegen  der  unsicheren  Verhältnisse  in  der  höheren
Mädchenschule  wenige,  und  die  Lehrerinnen  besaßen  eine  zu  mangelhafte
  Vorbildung.

Nach  der  Einigung  des  Reiches  schien  nun  der  Zeitpunkt  wekommen,
  um  endlich  die  so  manchesmal  vergeblich  versuchte  Organisation
  der  Mädchenschule  wieder  energisch  in  Angriff  zu  nehnten.
So  traten  im  September  1872  auf  die  Anregung  von  Direktor  Kreyenberg
  etwa  160  I.chrer  und  Lehrerinnen,  vorzugsweise  aus  Norddeutschland,
  in  Weimar  zusammen,  um  über  die  zukünftige  Gestaltung  der
höheren  Mädchenschule  zu  beraten.  Die  Resultate  dieser  Weimarer
Konferenz  wurden  in  einer  Denkschrift  niedergelegt,  die  später  allen

I)  son  Rönne  a.  a.  O0.  II,  S.  283  —300.
2,  D.  Dr.  Karl  Schneider:  Ein  halbes  Jahrhundert  im  Dienste  von  Kirche  und
Schule.  Berlin  1900.  8.  442.