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Geschichte  des  Mädel  gswesens  in  Deutschland.  335

gramm  gemäß  Lehrerinnen  für  mittlere  und  höhere  Töchterschulen
ausbilden;  tatsächlich  traten  aber  viele,  die  ihre  Bildung  hier  empfangen
  hatten,  nachher  in  den  Volksschuldienst  über.  Umgekehrt
lagen  die  Verhältnisse  in  einem  von  Pastor  Fliedner  zu  Kaiserswerth
  1#44  gegründeten  Seminar  für  Elementarlehrerinnen,  das  später
durch  die  Aufnahme  der  fremden  Sprachen  auch  die  Vorbildung  für
höhere  Mädchenschulen  gewährte.  Bei  all  diesen  Anstalten  ging  man
noch  entschieden  von  dem  Gesichtspunkt  aus,  dafs  der  Arbeit  der
Lehrerin  in  der  Schule  eine  selbständige  Bedeutung  eigentlich  nicht
zukomme,  sondern  dafs  sie  nur  bestimmt  sei,  die  Tätigkeit  des
l.ehrers,  gewissermaßen  als  seine  Gehilfin,  zu  ergänzen.  Daneben
wirkte  noch  ein  wirtschaftliches  Motiv  einengend  und  beschränkend
auf  die  Lehrerinnenbildung  ein.  Fhe  sich  nämlich  die  Mitarbeit  der
Frau  an  der  Schule  als  ein  objektives  Bedürfnis  in  der  allgemeinen
Anschauung  Anerkennung  verschafft  hatte,  ehe  sich  die  öffentliche
Meinung  an  cine  vollwertige  Beteiligung  der  I.chrerin  am  öffentlichen
Schuldienst  gewöhnt  hatte,  drängte  schon  ein  subjektives  Bedürfnis
nach  cinem  eigenen  Erwerb  viele  Töchter  des  mittleren  und  höheren
Bürgerstandes  in  den  Lehrberuf  hinein.  So  hatten,  ehe  der  Staat
Veranlassung  fand,  sich  um  die  Lchrerinnenbildung  zu  kümmern,  sich
schon  überall,  dem  allgemeinen  Bedürfnis  entsprechend,  Kurse  für
I.chrerinnen  an  die  höheren  Mädchenschulen  angeschlossen.  Für  die
Einrichtung  dieser  Kurse,  die  durch  keinerlei  gesetzliche  Bestinmungen
  von  vornherein  geregelt  waren,  gab  das  Interesse  der
Mädchen,  möglichst  rasch  erwerbsfähig  zu  werden,  den  Ausschlag;
sie  waren  allerhöchstens  zweijährig,  ja  selbst  die  unter  königlicher
‚Aufsicht  stehende  Lehrerinnenbildungsanstalt  zu  Droyßig,  die  1852
scsründet  war,  gab  begabten  Schülerinnen  die  Möglichkeit,  in  einem
Jahr  bis  zu  der  geforderten  Prüfung  zu  gelangen.  So  mögen  viele
der  bestehenden  Kurse  tatsächlich  den  Charakter  von  Pressen  aneenommen
  haben,  so  dafs  die  Ministerialerlasse,  die  den  Zudrang  von
noch  nicht  18jährigen  Schülerinnen  zur  L.ehrerinnenprüfung  abwehren,
in  den  folgenden  Jahrzehnten  häufig  wiederkehren.  Die  übrigen
deutschen  Staaten  folgten  mit  der  Errichtung  von  Lehrerinnen-Seminaren
  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  bald  nach;  ja  sie
gingen  in  der  Organisation  ihres  L.chrerinnenbildungswesens  zuweilen
weiter  als  Preußen,  indeni  sie  ihre  Lehrerinnenseniinare  mehr  nach  dem
Muster  der  l.ehrerseminare  zuschnitten;  das  geschah  z.  B.  bei  dem  1036
gegründeten  staatlichen  Seminar  zu  Callnberg  im  Königreich  Sachsen.

Das  Entstehen  dieser  Anstalten  ist  ein  Symptom  dafür,  daß  der