330  das  Mädchenschulwesen,

Anteil  der  I.chrerinnen  auch  an  der  öffentlichen  Schulerziehung  von
Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  stieg.  Seit  der  Begründung  der  Seminare,
und  mehr  noch  in  den  fünfziger  und  sechziger  Jahren  erhoben  sich
über  ihre  Verwendbarkeit  im  Schuldienste  überall  Diskussionen.  Dice
Gesichtspunkte  der  öffentlichen  Behörden  bei  der  Anstellung  von
Lehrerinnen  waren  zum  Teil  pädagogische,  zum  Teil  rein  praktische;
pädagogische  insofern,  als  anerkannt  wurde,  daß  der  erziehliche  Einfluß
  der  Frau  in  der  Mädchenbildung  unentbehrlich  sei,  dat  die  Frau
oft  mit  einem  feineren  Gefühl  für  pädagogischen  Takt  ausgestattet
und  insbesondere  für  die  Erzichung  zu  äußeren  Formen  sich  besser
ciene  als  der  L.ehrer.  Auch  wird  in  den  Berichten  über  die
Tätigkeit  der  Lehrerin  ihre  größere  Hingebung  an  ihren  Beruf  und
ihre  gewissenhafte  Amtstreue  ins  Feld  geführt.  So  äußert  sich  z.  B.
1857  ein  Bericht  der  Berliner  Schuldeputation.  Ein  Bericht  der  Regierung
  aus  den  dreißiger  Jahren  über  das  Schulwesen  einer  größeren
westspreußischen  Stadt  sagt,  daß  von  sämtlichen  Schulen  der  Stadt
nur  die  —  von  ciner  Frau  gelcitete  und  fast  ausschließlich  mit
l.chrerinnen  besetzte  —  höhere  Töchterschule  etwas  leiste  und  stellt
der  Leiterin  das  Zeugnis  aus:  „von  der  Zeit  ihrer  Wirksamkeit  hier
datiert  sich  eine  allgemeine  Verbesserung  in  dem  Jugendunterrichte
des  weiblichen  Geschlechtes,  da  ihre  Einwirkung  sich  mittelbar  auch
auf  einen  großen  Teil  der  übrigen  Mädchenschulen  erstreckt,  indenı
diese,  wenigstens  nicht  der  äußeren  Einrichtung  nach,  zu  bedeutend
hinter  der  neu  errichteten  Anstalt  zurückbleiben  durften.“  Der  Referent,
  der  dies  Gutachten  zitiert,!)  tritt  denn  auch  warm  für  die  Erzichung
  der  Frau  durch  die  Frau  ein.  Aber  er  hatte  damals  noch
nicht  viele  Gesinnungsgenossen.  Im  Gegenteil.  Der  Leiter  des  Berliner
  I.chrerinnenseminars  hatte  in  der  Berliner  „Pädagogischen  Gesellschaft“
  einen  harten  Kampf  für  seine  Sache  zu  fechten.  „\Wer
das  Weib  zur  Lehrerin  geschaffen  wähnt  in  demselben  Sinne,  wie
zum  I.chrer  den  Mann,  vergißt  entweder  ganz,  was  des  Weibes  ist,
oder  macht  Ansprüche  an  dasselbe,  denen  cs  sciner  ganzen  Natur
nach  nicht  gewachsen  ist“,  so  schließt  cin  Vortrag,  der  sich  gegen
die  Begründung  des  Lehrerinnenseminars  und  die  Tendenzen  seines
l.citers  wendete,  nachdem  er  weitschweifig  an  allen  Unterrichtsfichern
  nachgewiesen  hatte,  daß  Frauen  sie  nicht  lehren  könnten.?,

1)  Es  ist  cine  kleine  Schrift:  Über  Lehrerinnen  und  ihre  Ausbildung.  Dauzig  1837.
°)  Gedanken  über  die  dem  weiblichen  Geschlecht  zugesprochene  Fähigkeit  zum
Unterrichten  in  wissenschaftlichen  Disziplmen  in  der  Schule.  Von  J.  Il.  Schulz.

Berhn  1837.