Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  29

veringe  Meinung  von  der  geistigen  Leistungsfähigkeit  der  Frau  zu
tage,  dafs  der  Gedanke  nahe  lag,  diese  Anschauungen  möchten  auch
auf  die  Mädchenschul-Pädagogik  selbst  nicht  gerade  besonders  günstig
einwirken.

Erfuhr  die  Lehrerinnenfrage  in  dieser  Zeit  durch  den  Verein  für
das  höhere  Mädchenschulwesen  keine  bedeutende  Förderung,  so  wing
es  auch.  mit  den  übrigen  Bestrebungen  des  Vereins  nur  langsam
vorwärts.  Dem  Wunsch  nach  einer  gesetzlichen  Regelung  des  gesamten
  höheren  Mädchenschulwesens  auf  Grund  eines  für  ganz  Preußen
geltenden  Normallehrplans  kam  die  preußische  Regierung  im  Jahre  1886
durch  die  Aufstellung  eines  solchen  Planes  entgegen;  dieser  umfalste
im  Gegensatz  zu  den  von  der  August-Konferenz  erhobenen  Forderungen
nur  neun  Jahreskurse,  entsprach  auch  im  übrigen,  vor  allem  durch
einen  gewissen  Mangel  an  Zinheitlichkeit,  nicht  den  geäußerten
Wünschen  und  stieß  im  deutschen  Verein  für  das  höhere  Mädchenschulwesen
  auf  den  heftigsten  Widerspruch.  Auch  er  hat  keinerlei
Gültigkeit  für  das  ganze  Land  crreicht,  sondern  wurde  seitens  der
Regierung  nur  auf  die  Berliner  Schulen,  deren  Vertreter  zur  Bearbeitung
  selbst  mit  herangezogen  waren,  beschränkt.

Einen  neuen  Anstoß  zu  weiteren  Schritten  auf  dem  ganzen
Gebiete  der  Mädchenschul-  und  T.ehrerinnenfrage  gab  im  Jahre  1887
eine  Petition,  die  von  einer  Anzahl  Berliner  Frauen  dem  preußischen
Unterrichtsministerium  und  preußischen  Abgeordnetenhaus  eingereicht
wurde  und  in  der  man  bat,  dem  weiblichen  Elemente  eine  größere
Beteiligung  an  dem  wissenschaftlichen  Unterricht  auf  Mittel-  und
Oberstufe  der  höheren  Mädchenschulen  zu  geben,  besonders  in  den
sorrenannten  ethischen  Fächern,  und  andrerseits  Fachanstalten  zur
‚Ausbildung  von  wissenschäftlichen  Lehrerinnen  zu  errichten.  In  einer
dieser  Petition  beigegebenen  Denkschrift  von  Helene  Lange!)
wurden  diese  beiden  Bitten  ausführlich  begründet  durch  eine  umfassende
  prinzipielle  Kritik  an  dem  Gesamtcharakter  der  höheren
Mädchenbildung.  Diese  Kritik  richtete  sich  zunächst  gegen  die
Bildungsziele,  die  die  Weimarer  Konferenz  aufgestellt  hatte.  Sie  hatte
der  zehnstufigen  höheren  Mädchenschule  die  Aufgabe  zugewiesen,
ihre  Schülerinnen  in  alle  Gebiete  allgemeiner  Bildung  soweit  einzuführen,
  daß  sic  ungefähr  ein  Verständnis  für  das  gesamte  nationale
Kulturleben  besäßen.  Aus  diesem  Ziel,  das  die  Vielseitigkeit  des
Interesses  an  die  Stelle  seiner  Intensität  und  Tiefe  setzt,  ercibt

I)  Die  Ilöhere  Mädchenschule  und  ihre  Bestimmung.  Berlin  1888.

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