299  Das  Müädchenschulwesen.

sich  nach  Ansicht  der  Verfasserin  geradezu  cin  Zwang,  Übersichten
zu  geben,  fertige  Urteile  zu  vermitteln  statt  die  Gewohnheit  eigenen
selbständigen  Denkens  zu  erziehen  und  die  Neigung  und  den  Drang
zu  eigener  Weiterbildung  zu  wecken.  So  ist  unter  der  Herrschaft
dieses  Prinzips  der  Lehrplan  der  höheren  Mädchenschule  stofflich  zu
stark  belastet,  als  daß  er  eine  gründliche  intellektuelle  Durchbildung
pewährleisten  könnte.  Man  müßte  den  Stoff  beschränken,  aber  über
die  Schule  hinaus  Gelegenheit  zu  gründlicher  Fortbildung  in  solchen
Fächern  geben,  auf  die  Neigung  und  Interesse  die  Mädchen  selbst
hinführen.  Sie  sieht  einen  Grund  dafür,  daß  die  höhere  Mädchenbildung
  diese  Richtung  eingeschlagen  hat,  in  dem  Überwiegen  des
männlichen  Finflusses  auf  ihre  Gestaltung.  Es  liegt  in  der  Natur  der
Sache,  und  sowohl  die  aus  den  Lchrerkreisen  hervorgegangene
L.iteratur  als  auch  die  Verhandlungen  der  Weimarer  Konferenz  beweisen
  es,  daß  dem  Manne  die  geistigen  Bedürfnisse  der  Frau  unter
den  Gesichtswinkel  seiner  subjektiven  Wünsche  und  Ansprüche  an
seine  Gefährtin  erscheinen,  daß  er  sie  nicht  un  ihrer  selbst  willen,
sondern  um  scinetwillen  erzicht  und  Maß  und  Richtung  ihrer  Bildung
danach  bestimmt.  Ein  Ausdruck  dafür  ist  der  Satz  der  Weimarer
Denkschrift,  in  dem  das  Bildungsziel  der  höheren  Mädchenschule  begründet
  wird:  „damit  der  deutsche  Mann  nicht  durch  die  geistige
Kurzsichtierkeit  und  Eingherzigkeit  semer  Frau  an  dem  häuslichen
llerde  gelangweilt  und  in  seiner  Hingabe  an  höhere  Interessen  ırelähmt
  werde,  dats  ihm  vielmehr  das  Weib  mit  Verständnis  dieser
Interessen  und  der  Wärme  des  Gefühls  für  dieselben  zur  Seite  stehe”.
So  scheint  cs  der  Verfasserin  für  die  Abänderung  der  Mißstände
wichtig,  daß  Frauen  den  ausschlaggebenden  und  leitenden  Einfluß
in  der  Mädchenschule  erhalten,  ohne  daß  selbstverständlich  der  Lehrer
ganz  ausgeschlossen  sein  sollte.

Diese  Broschüre  brachte  die  schon  vuft  angebalnte  Erörterung
über  die  Lehrerinnenfrage  zu  cinem  heftigen  Austrag.  Die  Regierung
verhielt  sich  den  Forderungen  der  Petition  gegenüber  zunächst  ab-Ichnend;
  in  Lehrerkreisen  erregte  sie  heftigen  Widerspruch.  In  einer
Diskussion,  an  der  sich  die  deutsche  Presse  in  ganz  außerordentlicher
Weise  beteiligte,  trat  doch  klar  zutage,  daß  die  Notwendigkeit  einer
Umgestaltung  des  höheren  Mädchenschulwesens,  die  vor  allen  Dingen
der  intellektuellen  Schulung  gegenüber  oberflächlicher  Vielwisserei
Geltung  verschafft  hätte,  auch  in  Laienkreisen  allgemein  empfunden
wurde.

Zur  weiteren  Verfolgung  der  in  der  Begleitschrift  aufgestellten