Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  395

stimmte  Zeit  angegeben  war,  das  aber  den  in  der  Prüfung  gestellten
Anforderungen  entsprechend  etwa  zwei  bis  drei  Jahre  umfassen
mußte.  Für  dieses  Studium  konnten  zwei  Fächer  von  der  Bewerberin
selbst  gewählt  werden.  Zur  Vorbereitung  besuchten  die  I.chrerinnen
das  Victoria-I.yzeum  oder  die  Göttinger  Kurse,  gleichzeitig  aber  auch
die  Universität.  Ja,  im  Laufe  der  Zeit  bildete  sich  sowohl  in  Göttingen
als  ın  den  neuentstehenden  Oberlehrerinnenkursen  zu  Königsberg,
Bonn  und  Breslau  ein  immer  engerer  Anschluß  an  die  Universität
heraus.  In  dieser  ersten  Verfügung  wurden  bestimmte  Anforderungen
in  den  einzelnen  Fächern  noch  nicht  gestellt,  sondern  es  wurde  nur
im  allgemeinen  gesagt,  daß  die  Kandidatin  die  Befähigung  zu  selbständiger
  wissenschaftlicher  Arbeit  auf  ihrem  Gebiete  nachweisen  müsse.
Bei  dieser  noch  ziemlich  vagen  und  unbestimmten  Formulierung  der
zu  stellenden  Ansprüche  law  cs  in  der  Hand  der  Ausbildungsanstalten
sowohl  als  der  L.chrerinnen  selbst,  ob  sich  die  Oberlehrerinnenprüfung
zu  einer  wirklich  wissenschaftlichen  ausgestalten  würde.  Man  darf
sagen,  dafs  sowohl  die  Lehrerinnen  als  die  Oberlehrerinnenkurse  den
an  sie  gestellten  Erwartungen  entsprochen  haben.

Je  eifriser  aber  die  neu  gewährte  Bildungsgelegenheit  von  den
L.ehrerinnen  benutzt  wurde,  umsomehr  empfand  man  die  Schwieriskeiten,
  die  es  auf  diesem  Wege  zu  überwinden  gab  und  die  Mängel
und  Lücken,  die  der  Oberlehrerinnenbildung  trotz  des  bestens  Willens
noch  ımmer  anhafteten.  Einerseits  erwies  sich  die  Senunarbildunsz
als  eine  wenig  geeignete  Grundlage  für  ein  wissenschaftliches  Studium;
die  L.chrerinnen  mußten  sich  während  der  geforderten  fünfjährigen
Dienstzeit  die  notwendigen  Vorkenntnisse  für  das  Studium,  sei  es  in
den  alten  Sprachen,  oder  auch,  je  nach  den  gewählten  Fach,  in  der
Mathematik  selbständig  aneignen,  wozu  Zeit  und  Gelegenheit  sich
nicht  immer  fanden.  Es  war  auch  während  des  Studiums  für  sie  nicht
leicht,  sich  in  das  Wesen  und  die  Methoden  wissenschaftlicher  Arbeit
hineinzufinden,  gerade  weil  die  Seminarbildung  so  ganz  andere  Wege
einschlug  und  einschlagen  mußte.  So  erwies  sich  die  ursprünglich
angesetzte  Zeit  von  zwei  Jahren  als  längst  nicht  ausreichend.  Dazu
hatte  es  auch  praktisch  seine  Schwicrigkeiten,  T.chrerinnen  nach  fünfjähriger
  Dienstzeit  zu  beurlauben  und  ihre  Stelle  während  der  zwei
oder  drei  Jahre  des  Studiums  anderweitig  zu  besetzen.  Die  Unruhe
und  Ungleichmäßigkeit,  die  dadurch  in  den  Schulbetrieb  gebracht
wurde,  veranlaßten  die  Städte  häufg  genug,  den  I.ehrerinnen  den
Urlaub  zu  verweigern.  Der  Allgemeine  deutsche  l.cehrerinnenverein
erklärte  sich  aus  all  diesen  Gründen  gegen  den  durch  die  Bestim-