300  Das  Maädchenschulwesen.

greifen,  dann  aber  auch,  weil  die  geistigen  Ansprüche  der  Frau  mit
ihren  Aufgaben  in  Haus  und  Familie  durch  die  wirtschaftlich-sozialen
Veränderungen  allgemein  so  gewachsen  sind,  dafs  sie  eine  weiter
reichende  und  tiefer  wurzelnde  Bildung  verlangt,  als  ihr  bisher  «egeben
  wurde.  Eine  größere  Angleichung  der  Mädchenbildung  an
die  der  Knaben  ist  die  praktische  Forderung,  zu  der  man  von  beiden
‚Ausgangspunkten  gelangte.

Bei  dem  ersten  Auftauchen  dieser  Wünsche  hat  naturgemäts  der
Gedanke  der  Berufsvorbildung  die  größere  Rolle  gespielt.  Schon  in
den  siebziger  und  mehr  noch  in  den  achtziger  Jahren  hatten  verschiedene
  deutsche  Frauen  in  Auslande  eine  akademische  Bildung
erworben  und  sich  auf  Grund  der  im  Auslande  bestandenen  Examen
in  Deutschland  cinen  IT.cbensberuf  zu  schaffen  gesucht.  Vereizelt
waren  auch  an  deutschen  Universitäten  Frauen  als  außerordentliche
Hörerinnen  eingeschrieben  worden,  meist  Ausländerinnen,  die  aber
durchaus  als  Ausnahmeerscheinungen  galten.  Seit  nun  im  Jahre  1366
der  allgemeine  deutsche  Frauenverein,  die  älteste  Organisation  der
deutschen  Frauenbewegung,  durch  einen  Stipendienfonds  in  die  Lage
gesetzt  worden  war,  das  Frauenstudium  praktisch  unterstützen  zu
können,  und  seit  im  Jahre  1888  ein  cigener  Verein  „Frauenverein
Reform“  für  die  Erschließung  der  auf  wissenschaftlichen  Studium  brruhenden
  Berufe  für  die  Frauen  eintrat,  wurde  die  Frage  des  Fraucenstudiums
  auch  für  Deutschland  eine  dringendere.  Beide  Vereine  wendeten
sich  seit  dem  Jahre  1888  mehrfach  an  die  Unterrichts-Ministerien  und
Ländtage  aller  Bundesstaaten,  sowie  an  den  Reichstag  selbst  mit  der
Bitte,  den  Frauen  den  höheren  Lehrberuf  und  den  Ärztinnenberuf
  zu  erschliefsen  und  ihnen  die  Absolvierung  des  dazu  nötigen
Bildungsganges  und  der  dazu  nötigen  Prüfungen  zu  gestatten.  Gleichzeitir
  wurde  im  Jahre  1889  vom  wissenschaftlichen  Zentralverein  zu
Berlin  eine  Anstalt  gegründet,  die  unter  dem  Titel  „Realkurse  für
Frauen"  eine  über  die  höhere  Mädchenschule  hinausgehende  Bildung
vermittelte,  und  da  in  Deutschland  die  Zulassung  zur  Maturitätsprüfung
  noch  nicht  erfolgt  war,  sich  zunächst  die  Vorbereitung  auf
das  Schweizer  Mäturitätsexamen  zum  Ziele  setzte.  Im  Jahre  199%
verwandelte  die  Leiterin,  Fräulein  Helene  Lange,  die  Realkurse  ın
Gymmnasialkurse,  die,  auf  dem  Pensum  der  höheren  Mädchenschule
aufbauend,  ihre  Schülerinnen  in  ca.  vier  Jahren  auf  das  deutsche
Abiturientenexamen  vorbereiteten.  Ein  halbes  Jahr  später  gründete
der  allgemeine  deutsche  Frauenverein  in  leipzig  nach  demselben  Plan
Gymnasialkurse  unter  der  Leitung  von  Fräulein  Dr.  Käthe  Wind-