302  Das  Mädchenschulwesen.

zent  seine  Einwilligung  dazu  erteilt.  In  Preußen  ist  dies  Recht  aufserdem
  an  die  Ablegung  des  L.chrerinnen-Examens  gebunden,  vor  allem,
um  dem  Zulauf  ungenügend  vorgebildeter  Frauen  zur  Universität  zu
steuern.

Trotz  dieser  Beschränkung  in  der  Zulassung  ist  nun  das  Frauenstudium
  an  den  Universitäten  dauernd  gestiegen,  und  das  hat  die
Frage  der  gymnasialen  Vorbildung  im  Augenblick  zu  emer  Tagesfrage
  gemacht),  Ts  sind  in  verschiedenen  deutschen  Staaten
gymnasiale  Anstalten  für  Mädchen  entstanden,  die  sich  teils  an  den
Plan  der  Berliner  Gymnasialkurse  angeschlossen  haben,  teils  sechsstuhg
  sind,  wie  das  Karlsruher  Mädchengymnasium.  Der  Plan,  ein
sechsstufiges  Gymnasium  für  Mädchen  zu  gründen,  der  im  Jahre  1848
von  dem  Magistrat  in  Breslau  gefafst  wurde,  ist  von  seiten  der  preußischen
  Regierung  abgelehnt  worden.  Bis  zum  Jahre  I9%2  erhielten
sechsstufige  Anstalten  nicht  die  Genehmigung  der  Regierung,  weil  man
die  höhere  Mädchenschule  in  ihrem  vollen  Unmfange  als  die  unumeänirliche
  Grundlage  jeder  weiter  führenden  Bildung  zu  erhalten  wünschte
und  daher  keine  Bildungsanstalt  zulassen  wollte,  die  in  ihren  L.ehrang
  emgriff.

In  ein  neues  Stadium  ist  die  Frage  der  gymnasialen  Mädchenbildung
  dadurch  getreten,  daß  die  Schüler  derRealgymnasien  im  ganzen
Reich  dasRecht  erhielten,  Medizin  zu  studieren,  in  Preußentebenso  wie
die  Oberrealschüler)  auch  Jura  und  alle  Zweige  des  höheren  l.chrfaches.
Die  praktische  Bedeutung  des  vollen  humanistischen  Gymnasiums  für
Mädchen  wurde  dadurch  eingeschränkt,  da  die  meisten  Schülerinnen
der  Mädchengyminasialanstalten  für  ihr  späteres  Studium  nur  der  durch
das  Realgymnasium  gewährten  Berechtigung  bedurften.  Es  sind  deshalb
  die  meisten  bestehenden  gymnasialen  Mädchenanstalten  in  Realgymnasial-Änstalten
  verwandelt  worden.  Diese  \’erwandlungr  hat  die
Frage  der  höheren  Mädchenbildung  der  Lösung  näher  gerückt,  auf
die  sich  von  den  verschiedensten  Seiten  her  die  Wünsche  der  Frauen
allmählich  konzentriert  hatten:  die  höhere  Mädchenschule  in  ihren
ganzen  Organismus  derjenigen  Anstalt  möglichst  anzugleichen,  als
deren  Parallele  sie  ursprünglich  geschaffen  wurde,  nämlich  der  Knabenrealschule
  bezw.  Oberrealschule.  Der  erste  praktische  Versuch  nach
dieser  Richtung  hin  ist  von  der  Stadt  Mannheim  in  Baden  gemacht
worden,  die  im  Jahre  1901  ihrer  höheren  Mädchenschule  von  der

I)  Ausführlich  berichter  über  die  Entwicklung  des  Frauenstudiums  das  Handbuch
der  Frwmenbewegung  Teil  T,  Ss.  83  fl.  Teil  TIL,  S.  123  fi.