304  Das  Mädchenschulwesen.

Zeit  neue  Aufgaben  erwachsen  seien,  denen  die  höhere  Mädchenschule
  in  ihrer  jetzisren  Gestalt  nicht  nichr  genügen  könne;  es  sei
mindestens  wünschenswert,  daß  in  der  höheren  Mädchenschule  die
realistischen  Fächer,  vor  allen  Dingen  die  Naturwissenschäften,  stärker
betont  werden  und  daß  cine  Einführung  der  elementaren  Mathematik
auf  der  Oberstufe  den  Mädchen  auch  die  logische  Schulung  gewähre,
die  das  Gleichgewicht  zu  der  vorwiegend  ästhetischen  Bildung  der
höheren  Mädchenschule  bieten  müsse.

Dat  man  gleichzeitig  von  seiten  des  Unterrichtsministeriums  die
Notwendigkeit  cinsah,  die  höhere  Mädchenschule  in  gewissem  Mate
zur  Vorbereitungsanstalt  für  das  Universitätsstudium  zu  machen,  zeigt
die  im  Jahre  12  erfolgte  widerrufliche  Genehmigung  sechsklassiger
Real-Gymnasialkurse,  die  die  Städte  Schöneberg  und  Charlottenburg
an  die  ersten  sechs  Stufen  ihrer  öffentlichen  höberen  Mädchenschulen
angeschlossen  haben.

4.  Moderne  Aufgaben  der  Volksmädchenerziehung.

Die  Frauenfrage,  die  auf  dem  Gebiete  des  höheren  Mädchenschulwesens
  zu  neuen  Forderungen  und  zu  neuen  Zielen  Anlaß  und
Richtung  gerreben  hatte,  stellte  auch  in  bezug  auf  die  Frauen  der
arbeitenden  Klassen  der  Schule  neue  Aufgaben.  Einmal  fällt  der
Unistand  ins  Gewicht,  daß  mit  der  Zunahme  der  Industriebevölkerun:g
die  Mädchen  weniger  als  je  Gelegenheit  haben,  hauswirtschaftliche
Tüchtigrkeit  und  Interesse  für  das  häusliche  L.cben  und  ihre  Aufgaben
darin  von  der  Mutter  zu  lernen.  „Andererseits  ırcben  die  geistigen
Ansprüche,  zu  denen  eine  mächtige  wirtschaftliche  Entwicklung  auch
die  Massen  erzogen  hat,  dem  Gedanken  Nahrung,  dafs  die  übliche
achtjährige  Volksschulbildung  nicht  ausreiche,  um  die  Frau  des  vierten
Standes  für  den  Lebenskampf  in  vollem  Maße  Aauszurüsten,  um  ihr
gepenüber  den  vielen  verwirrenden  und  verrohenden  Einflüssen  einen
innerlichen  geistigen  und  sittlichen  Ilalt  zu  geben.  Aus  diesen  Gedanken
  heraus  entstand  der  Plan  einer  Fortbildung  der  Mädchen,  die
einerseits  hauswirtschaftliche  Kenntnisse  und  Fertigkeiten  in  die  ‚Aufwaben
  der  Schule  hineinzog,  andrerseits  den  Wissensstoff  der  Volksschule
  befestigte  und  erweiterte,  sodaß  er  gerade  in  dem  Alter,  in
dem  er  eigentlich  erst  seine  rechte  Wirkung  entfalten  konnte,  den
Mädchen  von  neuem  nahe  gebracht  und  ihnen  lebendig  erhalten
wurde.  Die  anderen  Aufgaben  einer  Fortbildung  der  Mädchen  über
die  Volksschule  hinaus,  die  sich  aus  beruflichen  und  gewerblichen