300  Das  Madchenschulnesen.

Frauenbildungs-  und  Erwerbsvereine,  die  in  den  Wer  Jahren  hier
und  da  begründet  wurden,  erfaßten  diesen  Gedanken  bald  mehr  von
seiner  beruflichen  und  wirtschaftlichen  Seite,  bald  mehr  nach  der
Richtung  einer  allgemeinen  geistigen  Ilebung  der  Frau  der  unteren
Volksklassen.  So  entstanden  in  verschiedenen  deutschen  Staaten  Anstalten,
  in  denen  der  nachschulpflichtisen  weiblichen  Jugend  Gelegenheit
  zur  Erweiterung  ihres  Wissens  und  ihrer  Kenntnisse  nach  dieser
oder  jener  Richtung  hin  gegeben  wurde.  Meistens  finden  wir  noch
keine  scharfe  Trennung  zwischen  allgemeiner  und  beruflicher  Fortbildung,
  sondern  Unterrichtskurse,  die  gewissermaßen  beides  vereinigen,
  indem  sie  einerseits  die  Fächer  allgemeiner  Bildung  umfassen,
andrerseits  diese  Fächer  nach  der  Richtung  bestimmter  Berufsgebicte
etwas  erweiterten,  um  die  Mädchen  auf  diese  Weise  auch  auszurüsten,
den  einfachsten  und  nächstliegenden  Anforderungen  irgend  einer
beruflichen  Tätigkeit  zu  genügen.  Eine  eigentliche  Fachbildung  im
modernen  Sinne  war  dıs  natürlich  noch  nicht.  Auch  die  hauswirtschaftliche
  Bildung  wurde  in  den  Kreis  dieser  Fortbildung  hineingezogen,
  da  man  sah,  dafs  angesichts  «der  modemen  Verhältnisse,
die  die  Arbeiterfrau  vielfach  dazu  zwangen,  den  häuslichen  Anforderungen
  mit  einem  Minimum  an  Zeit  zu  genügen,  diese  gründliche
hauswirtschaftliche  Durchbildung  im  Interesse  der  Volksgesundheit
und  der  Erhaltung  des  Familienlebens  lag.  So  verbanden  sich  mit
diesen  Fortbildungskursen  hier  und  da  Kochkurse,  die  meist  Fabrikarbeiterinnen
  in  den  Abendstunden  die  Möglichkeit  zur  Erlernung
primitiver  hauswirtschaftlicher  Kenntnisse  gaben.

Die  fortschreitende  Entwicklung  differenzierte  die  Fragen  und
die  Aufgaben,  die  bis  dahin  noch  durch  eine  einzelne  Art  von  Anstalten
  befriedigt  wurden.  Was  zunächst  die  Fortbildungsschule  anbetrifft,
  so  stellte  sich  die  Notwendigkeit  heraus,  die  Frau  im  Verhältnis
  zu  dem  schon  sehr  entwickelten  Fachunterrichtswesen  für
junge  Leute  beruflich  gründlicher  und  strenger  auszubilden.  Die
allgemeine  Fortbildung  genügte  nicht,  um  den  Frauen  die  notwendigen
technischen  Kenntnisse  zu  geben,  die  sie  zur  vollen  Erfüllung  eines
kaufmännischen  oder  gewerblichen  Berufes  befähigten;  die  Notwendigkeit
  einer  gründlichen  Fachbildung,  die  höhere  Anforderungen  stellte
und  auch  nur  durch  bestimmte  Fachbildungsanstalten  gegeben  werden
konnte,  wurde  immer  dringender,  je  mehr  die  Frau  durch  ihre
minderwertige  Vorbildung  im  Konkurrenzkampfe  auf  dem  Arbeitsmarkte
  unterlag.  So  entwickelte  sich  außerhalb  der  Volksschule
zuerst  aus  der  privaten  Initiative  der  Vereine  und  auch  wohl  einzelner