Der  gegenwärtige  Stand  des  Mädchenschulwesens  in  Deutschland.  123

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weisen,  ferner  die  Rücksicht  auf  die  körperliche  Entwicklung  der
Mädchen,  an  deren  Kräfte,  wie  hervorgehoben  wurde,  ein  durch
neun  Jahre  ununterbrochen  fortgesetzter  Schulbesuch  schon  ganz
genügend  starke  Anforderungen  stelle.  Der  ausschlaggebende  Grund
war  aber  die  Überzeugung,  daß  die  Mehrzahl  der  Mädchen  nach
neunjährigem  Schulbesuch  das  Bedürfnis  empfinden  müsse,  ihre
Fortbildung  freier  und  selbständiger  zu  suchen,  als  es  bei  einer
weiterhin  streng  schulmäßig  verfahrenden  Unterrichtsweise  mögzlich
sei.  Es  wurde  deshalb  vorausgesetzt,  daß  auf  diesen  neunjährigen
Lehrgang  je  nach  Bedürfnis  sich  wahlfreie  Kurse  aufbauen  sollten,
un  den  Mädchen  Gelegenheit  zu  weben,  in  den  Lehrgegenständen
weiter  zu  lernen,  denen  sie  cine  ausgesprochene  Neigung  oder  Befähigung
  entgegenbrachten.  Als  Gegenstände  dieser  Kurse  wurden
vor  allem  Geschichte,  L.iteraturgeschichte,  Kunstgeschichte,  fremde
Sprachen  und  Naturwissenschaften  empfohlen.  Die  Ausgestaltung
der  Kurse  sollte  sich  nach  Ansicht  des  Ministers  auch  noch  in  anderer
Richtung  den  vorhandenen  Bedürfnissen  anpassen.  Es  wurde  anerkannt,
  dafs  für  eine  Reihe  neu  erschlossener  weiblicher  Berufe  die
Bildung  einer  neunstufigen  höheren  Mädchenschule  nicht  zureiche,
und  man  meinte,  die  wahlfreien  Kurse  könnten  es  übernehmen,  an
den  Bildungsgang  der  höheren  Mädchenschule  eine  Art  vorbereitender
  Fachbildung  für  die  später  zu  suchende  strenge  Berufsbildung  zu
schließen.  In  dieser  Hinsicht  ist  freilich  in  der  Praxis  wohl  nur  die
J.chrerinnenbildung  bei  der  Einrichtung  von  Selekten  oder  wahlfreien
  Kursen  ins  Auge  gefaßt.

Der  Typus  eines  I.chrplans  für  eine  solche  Selekta  (Höhere
Töchterschule  I  Hannover)  wird  hier  zur  V'eranschaulichung  wiedergegeben.
  —  Es  ist  den  Schülerinnen  mit  gewissen  Beschränkungen
gestattet,  nur  einzelne  Fächer  mitzunehmen.  —

l.chrplan  der  Selekta.

Deutsch:  Überblick  über  die  deutsche  Literatur  bis  auf  die  neueste  Zeit  mit  besuonderer
  Berücksichtigung  der  beiden  Blütezeiten.  Wiederholung  wichtiger  Kapitel
aus  der  deutschen  Grammatik,  Aufsätze,  Briefe  und  Stilübungen.  4  Std.

Französisch:  Grammatik:  Wiederholung  des  Regelschatzes  im  Anschluß  an  Kuhn,
kleine  französische  Schulgrammatik.  Alle  14  Tage  eine  Reinschrift  (Diktate,  freie  Arbeiten,
Briefe,  Übersetzungen).  —  Lektüre:  Dosia  von  Greville  (Schulausgabe),  Le  verre  d’eau
von  Scribe.  Im  Anschluß  daran  Sprechübungen.  Richtige  Aussprache  und  sprachliche
Gewandtheit  wurden  erstrebt.  —  L.iteratur:  Allgemeiner  Überblick  über  die  Entwicklung
der  Literatur  von  den  Anfängen  bis  zur  Neuzeit,  5  Std.

Englisch:  Sommer:  Wiederholung  der  Formenlehre.  Schriftliche  Arbeiten:
Diktate,  Übersetzungen,  freie  Arbeiten  im  Anschluß  an  Gselesenes.  Lektüre  aus  Ebener-Morgenstern
  III,  Erzählungen  und  Gedichte,  im  Anschluß  daran  Titeraturgeschichtliche