320  Das  Mädchenschulwesen.

einer  charakteristischen  Beleuchtung  aus  den  Zeitverhältnissen  heraus,
hat  auch  der  Geschichtsunterricht.  Er  soll  „durch  anschauliche  Darstellung
  klar  begrenzter,  bedeutungsvoller  Begebenheiten  und  Zustände
  die  Schülerinnen  mit  kräftigem,  persönlichen  Interesse  erfüllen‘
und  ihnen  für  das  Verständnis  der  Geschichte  die  nötigsten  Halt-  und
Mittelpunkte  geben.

Daneben  wird  ein  starker  Nachdruck  darauf  gelegt,  dafs  im
Gegensatz  zu  dem  vorher  vielfach  üblichen  Verfahren  die  Gegenwart
  in  der  Mädchenschule  zu  ihrem  Recht  kommt.  Die  wirtschaftlichen
  und  gesellschaftlichen  Fragen  der  Gegenwart  sind  in  der
ersten  Klasse  zu  behandeln.  Die  Stufenverteilung  ist  diesem  Gesichtspunkte
  entsprechend  die  folgende:

In  Klasse  IV  und  V:  Lebensbilder  aus  der  vaterländischen  Geschichte  bis  zur
Gegenwart,  deutsche  Sagen.  In  Klasse  Ill:  Die  Haupttatsachen  der  griechischen  und
römischen  Geschichte  unter  Betonung  des  kulturgeschichtlichen,  möglichst  durch  Anschauung
  zu  vermittelnden  Stofles,  besonders  der  griechischen  Kunst  im  P’rerikleischen,
der  römischen  Kultur  im  Augusteischen  Zeitalter.  Römer  und  Germanen.  In  Klasse  Il:
Deutsche  Geschichte  bis  zum  Westfälischen  Frieden  mit  Ilervorhebung  der  kulturgeschichtlichen
  Momente  und  des  deutschen  Frauenlebens.  In  Klasse  I:  Fortführung
der  deutschen  Geschichte  vom  Westiälischen  Frieden  bis  zur  Gegenwart  mit  wachsender
Hervorhebung  der  Brandenburg-Preußischen  Geschichte  (Friedrich  Wilhelm  I,  die  Zeit
Friedrich  des  Großen,  das  Zeitalter  der  französischen  Revolution,  der  napoleonischen
Herrschaft  und  der  Befreiungskriege,  die  Kümpfe  von  1864,  1866,  1870—71,  die  Finigung
Deutschlands,  das  neue  Reich  und  seine  Entwicklung).  Ausblicke  auf  die  Geschichte
Englands,  Frankreichs,  Italiens,  Österreichs  und  der  Vereinigten  Staaten.

Für  die  beiden  Fremdsprachen  ist  folgendes  l.chrziel  aufgestellt:


Der  Unterricht  in  den  fremden  Sprachen  hat  die  unmittelbare  Aufgabe,  die
Schülerin  zu  befähigen,  einen  leichteren  französischen  oder  englischen  Schriftsteller  zu
verstehen,  gesprochenes  Englisch  und  Französisch  richtig  aufzufassen,  und  die  fremde
Sprache  in  den  einfachen  Formen  des  täglichen  Verkehrs  mündlich  wie  schriftlich  mit
einiger  Gewandtheit  zu  gebrauchen;  er  hat  die  mittelbare  Aufgabe,  den  Schülerinnen  (das

Verständnis  für  die  geistige  und  materielle  Kultur,  für  Leben  und  Sitte  der  beiden  freniden
Völker  möglichst  zu  erschließen.

Im  Mittelpunkt  des  Unterrichts  steht  die  l.cktüre.  Grammatik
wird  nicht  von  vornherein  systematisch  betrieben,  sondern  aus  der
l.ektüre  abgeleitet  und  aus  konkreten  Beobachtungen  allmählich
systematisch  aufgebaut.  Sprechübungen  spielen  von  Anfang  an  cine
sroße  Rolle.  Die  ganze  Methode  setzt  bei  dem  l.chrer  sowohl  vollkommen
  gewandte  Handhabung  der  Sprache  als  auch  eine  gewisse
phonetische  Schulung  und  die  Fähigkeit  voraus,  auch  aus  den  Erscbnissen
  der  geschichtlichen  Sprachforschung  praktische  Hilfen  für
den  Unterricht  zu  ziehen.  Tür  die  Beurteilung  der  schließlichen
J.eistungen  einer  Schülerin  ist  schr  viel  weniger  die  größere  und  gc-