328  Das  Mädchenschulwesen.

Diese  praktischen  Versuche  sind  der  Anfang  zu  einer  allremeinen
  Reform,  die  für  die  nächste  Zeit  in  Aussicht  genommen
ist.  Für  diese  Reform  wird  ein  zwiefaches  Bedürfnis  in  Betracht  grezogen
  werden:  die  Notwendigkeit,  auch  durch  die  höhere  Mädchenschule
  die  Vorbereitung  zum  Besuch  der  Universität  zu  gewähren.
und  andererseits  der  Wunsch,  die  Bildung  der  Mädchen  über  die  der
höheren  Mädchenschule  bisher  gesetzten  Ziele  hinaus  so  zu  vertiefen
und  zu  erweitern,  wie  cs  die  Aufgaben  der  Hausfrau  und  Mutter
einerseits,  der  Bürgerin  andrerseits  in  der  Gegenwart  erfordern.  Dazu
  kommt  noch  die  Rücksicht  auf  solche  Mädchen,  die  auf  Grund
einer  guten  allgemeinen  Bildung  später  eine  gewerbliche  oder  sonst
eine  nicht  wissenschaftliche  Berufsvorbereitung  suchen  wollen,  für  die
also  nach  wie  vor  ein  zehnjähriger  Schulkursus  genügen  würde,  und
auf  solche,  an  die  nach  zehnjährigem  Besuch  der  Schule  Haus
und  Familie  dringende  Ansprüche  stellen.  Um  diesen  verschiedenen
Bedürfnissen  zu  entsprechen,  ergibt  sich  zunächst  die  Notwendigkeit
einer  Ausgestaltung  der  höheren  Mädchenschule  nach  der  Richtung
der  höheren  I.chranstalten  für  Knaben,  deren  Prüfungen  zum  Universitätsbesuch
  berechtigen.  Nach  den  bisher  vorliegenden  FErfahrungen
  und  allgemeinen  pädagogischen  und  physiologischen
Gründen  wird  der  Unterricht  die  Richtung  auf  dieses  besondere  Ziel
am  besten  nach  dem  siebenten  Schuljahr  einschlagen  und  es  in  sechs
Jahren  erreichen.  Neben  diesem  Kursus  wird  ein  anderer  die  allgemeine
  Bildung  der  heranwachsenden  Schülerinnen  erweitern  und
vertiefen,  und  sie  zugleich  durch  Pädagogik  und  Gesundheitslehre  zu
ihren  künftisren  häuslichen,  durch  Bürgerkunde  und  Einführung  in  die
soziale  Hilfsarbeit  zu  ihren  sozialen  Aufgaben  anleiten.  Bis  zum
10.  Schuljahr  müfsten  diese  beiden  L.chrgänge  einander  so  weit  angerlichen
  werden,  daß  eine  Trennung  nur  erst  in  einzelnen  Fächern
erfolgt,  daß  im  ganzen  aber  die  höhere  Mädchenschul:  einen  zehnstufigen
  in  sich  weschlossenen  Kursus  für  die  Schülerinnen  darbictet,
die  ihre  Schulbildung  damit  abschließen  müssen.  Das  sind  die  allscmeinen
  Richtlinien,  die  sich  für  eine  ‚Ausgestaltung  der  höheren
Alädchenschule  aus  den  tatsächlich  vorhandenen  Bedürfnissen  ergeben.
Wie  weit  sie,  wenn  die  Reform  der  Mädchenschule  zur  Tatsache  wird,
verfolgt  werden  können,  oder  welche  Modihkationen  in  einzelnen  sich
als  notwendig  herausstellen  werden,  ist  heute  noch  nicht  festzustellen.

Über  den  gegenwärtigen  Stand  des  höheren  Mädchenschulwesens
  in  Preußen  unterrichten  die  Ergebnisse  einer  Erhebung  vom
27.  Juni  IWW.  Sie  liegen  den  folgenden  Tabellen  zugrunde.