342  Das  Mädcheuschulwesen.

ec)  solche,  die  von  einigen  technischen  Fächern  (Turnen,  Singen)  befreit  sind.
(Alle  diese  genannten  Lehrproben  aber  stets  unter  Aufsicht,  mit  einzulieferndem
  Entwurf  und  nachfolgender  Kritik!)

5.  In  Fällen  der  Behinderung  von  Lehrern  und  l.chrerinnen,  natürlich  nur  bei
kürzerer  Dauer,  werden  die  jungen  Mädchen  in  geeigneter  Weise  zur  Vertretung  nach
bestimmter  Anleitung  verwendet.

6.  Auch  in  den  technischen  Fächern  (Tumen  usw.)  werden  von  den  betreffenden
Fachlehrern  die  jungen  Mädchen  zuweilen  zu  Lehrproben  herangezogen.

7.  Um  die  angehenden  Lehrerinnen  direkt  an  den  Verkehr  mit  den  Kindem  zu
gewöhnen,  äußere  Ordnung  und  zweckmäßige  Kinrichtungen  des  gesamten  Schulurganismus
aus  der  Praxis  kennen  zu  lernen,  werden  sie  in  bestimmier  Ordnung  auch  zur  Beaufsichtigung
  der  Kinder  vor  Beginn  des  Unterrichts,  in  den  Pausen  auf  dem  Hlofe,  den
Treppen,  den  Gängen  und  in  den  Klassenräumen  und  nach  Schluß  des  Unterrichts  mit
verwendet.  Auch  wird  ihnen  regelmäßig  Gelegenheit  geboten,  selbständige  Schulandachten
zu  halten  und  dabei  die  Orgel  oder  das  Ilarmonium  zu  spielen.

Es  ist  natürlich  nicht  möglich,  in  ähnlich  eingehender  Weise  zu
zeigen,  wie  die  wissenschaftliche  Fortbildung  der  Seminaristinnen  in
den  verschiedenen  Fächern  gefördert  wird.  In  einzelnen  Disziplinen,
vor  allem  wie  gesagt  im  Rechen-  und  naturwissenschaftlichen  Unterricht
  stehen  überdies  eingreifende  Veränderungen  bevor,  die  z.  B.  im
Seminar  der  Königl.  Augustaschule  zu  Berlin  zum  Teil  bereits  praktisch
  erprobt  werden.  Meist  wird  so  verfahren,  daß  in  der  unteren
und  mittleren  Seminarklasse  der  Wissensstoff  der  höheren  Mädchenschule
  erweitert  und  vertieft  wird,  während  das  letzte  Seminarjalır
mehr  der  Befestigung  der  Kenntnisse  und  der  Betrachtung  der  einzelnen
Fächer  nach  Methodik,  Lehrmittelkunde,  überhaupt  nach  ihrem
Charakter  als  Unterrichtsfach  der  Volksschule  oder  höheren  Mädchenschule
  dient.

Die  Hiterarischen  Stoffe,  die  im  Deutschen  und  in  den  fremden
Sprachen  gelesen  und  behandelt  wurden,  die  Aufsätze  und  freien
Arbeiten,  die  Aufgaben  schließlich,  die  bei  der  schriftlichen  Prüfung
von  den  Seminaristinnen  gelöst  wurden,  kennzeichnen  die  allgemeine
geistige  Reife,  die  durch  die  Seminarbildung  erreicht  wird,  vielleicht
am  deutlichsten.  Eine  Zusammenstellung  solcher  Angaben  aus  den
Programmen  einzelner  Seminare  möge  deshalb  folgen:

Gelesen  wurde  z.  B.  im  Deutschen.  Lessing:  Ilamburgische  Dramaturgie  (au
zugsweise),  Philotas,  Minna  von  Bamhelm,  Emilia  Galotti,  Nathan  der  Weise.  —  Herder:
Sprachenabhandlungen  (auszugsweise),  Ursachen  des  gesunkenen  Geschmacks,  Cid.  —
Goethe:  Goetz,  Clavigo,  Egmont,  Iphigenie,  'T’asso,  Faust,  Hermann  u.  Dorotliea,  Wilhelm
Meister  (auszugsweise),  Wahrheit  und  Dichtung  (auszugsweise),  —  Schiller:  Dramen,
Philosophische  Gedichte,  Einzelnes  aus  den  Prosaabhandlungen.

Französisch.  Victor  Hugo:  Preface  de  Cromwell,  Hernani;  Corneille:Cid,  Cinna;
Racine:  Athnlie,  Phedre,  Esther,  Mithridate;  Moliere:  Precieuses  ridicules,  le  Malade
imaginaire,  J'Avare;  Voltaire:  Zare,  Montesquieu:  L.ettres  Persanes:  Mirabeau:
Discours  choisis;  Mme.  de  Stael:  De  l’Allenuyme;  vielfach  auch  moderne  Novellen