350  Bas  Mudchenschulwesen.

richt  in  fremden  Sprachen  sind  keinerlei  Ziele  seitens  der  Behörden
angegeben;  cs  wird  nur  empfohlen,  mit  den  grammatikalischen
Übungen  nicht  zu  weit  zu  greifen  und  der  Konversation  sowie  der
Lektüre  angemessene  Zeit  zu  widmen.  Vielfach  wird  auch  noch  der
Unterricht  in  der  Konversation  mit  den  Handarbeitsunterricht  verbunden;
  das  ist  aber  nur  gestattet,  wenn  die  Handarbeit  leichterer
Natur  ist,  und  im  Falle  die  Schülerinnenzahl  eine  größere  ist,  mut
dann  außer  der  Handarbeitsichrerin  cine  Sprachlehrerin  die  Konversation
  leiten.  Mit  der  deutschen  wie  mit  der  fremdsprachlichen
Lektüre  soll  ein  Überblick  über  die  literarischen  Hauptepochen  und
die  bedeutendsten  Schriftsteller  des  betreffenden  Landes  verbunden
werden.  Mathematik,  Physik  und  Naturwissenschaft,  sofern  mit  diesen
Bezeichnungen  auch  wirklich  höherer  theoretischer  Unterricht  gemeint
ist  und  insofern  nicht  in  den  einzelnen  Instituten  ein  Ersatz  für
eine  l.chrerinnenbildungsanstalt  geboten  werden  soll,  werden  als  ungeeignet
  für  Mädcheninstitute  bezeichnet,  und  es  wird  statt  dessen
empfohlen,  sich  auf  gründlichen  Unterricht  im  Rechnen,  in  der  Raumlehre
  und  in  der  Naturbeschreibung,  sowie  auf  die  notwendigen  Darlegungen
  zum  Verständnis  der  einschlägigen  Erscheinungen  des  täglichen
  Lebens  zu  beschränken.  Auch  für  Geschichte  und  Geographie
sind  keine  Ziele  gesetzt;  es  wird  nur  gefordert,  daß  die  Verhältnisse
der  Heimat  und  des  weiteren  Vaterlandes  in  diesen  Unterrichtszweigen
  besonders  berücksichtigt  werden.

Die  Mißstände,  die  sich  aus  der  Unregelmäßigkeit  des  Privatschulwesens
  ergeben  haben,  werden  seitens  der  Regierung  anerkannt,
und  es  wird  das  Bedürfnis  nach  deren  Reform  zugegeben,  namentlich
wird  es  als  eine  dringende  Notwendigkeit  bezeichnet,  den  Privätinstituten
  in  bezug  auf  die  Gestaltung  des  Unterrichts  durch  cin
Normalprogranmn  grundlegende  Bestimmungen  an  die  Hand  zu  geben.

Trotzdem  seitens  der  Regierung  keine  gesetzlichen  Normen  für
die  Gestaltung  des  höheren  Mädchenunterrichts  gegeben  worden
sind,  hat  er  sich  in  den  Städten  zum  Teil  doch  gut  entwickelt.  Den
Typus  einer  öffentlichen  höheren  Mädchenschule,  freilich  einen  Typus,
der  vielleicht  über  den  Durchschnitt  schr  weit  hinausragt,  bietet  die
städtische  höhere  Töchterschule  in  München.  Der  Lehrplan  dieser
Anstalt  unterscheidet  sich  von  anderen  Plänen  höherer  Mädchenschulen
in  verschiedenen  charakteristischen  Punkten.  Die  höhere  Töchterschule
in  München  umfaßt  sechs  Jahreskurse  und  setzt  eine  vorangegangene
vierjährige  Volksschulbildung  voraus;  sie  ist  nach  folgendem  Übersichtsplan
  eingerichtet: