358  Das  Mädchenschulwesen.

der  deutschen  Literatur  eine  Art  zusammenhängende  Darstellung  neben
der  Betrachtung  hervorragender  Einzelerscheinungen  gegeben  wird.
Der  Geschichtsunterricht  folgt  in  den  vier  oberen  Klassen  der  chronologischen
  Entwicklung;  in  der  obersten  Klasse  umfaßt  er  in  drei
Wochenstunden  neben  der  eingehenden  Geschichte  der  Gegenwart
auch  Bürgerkunde;  diese  Bürgerkunde  wird  im  Zusammenhange  mit
einem  besonderen  Fach,  Erziehungslehre,  und  in  methodischer  Ansliederung
  an  dieses  Fach  unter  dem  Gesichtspunkte  „soziale  Erziehung‘
behandelt.  Es  werden  die  drei  sozialen  Gemeinschaften  Familie,  Gemeinde
  und  Staat  als  Erziehungsfaktoren  nach  ihrer  Organisation,
ihren  wesentlichen  Funktionen  und  Aufgaben  besprochen.  Die  HauswirtschaftsIchre
  wird  an  den  naturkundlichen  Unterricht  angeschlossen
und  gibt  diesem  auch  vorzugsweise  sein  Gepräge.  Der  Besuch  der
Schulküche  in  wöchentlich  drei  Stunden  ist  fakultativ.  In  den  Fremdsprachen
  kann  dadurch,  daß  in  den  drei  Oberklassen  nur  eine  von
ihnen  obligatorisch  ist,  über  das  sonst  übliche  Ziel,  besonders  in  bezurr
auf  den  Literaturunterricht  hinausgegangen  werden;  so  umfaßt  z.  B.
der  literaturkundliche  Lesestoff  in  den  beiden  Oberklassen  folgendes:

V.  Klasse.  Die  klassische  Periode,  besonders  das  Drama;  gekürzte  l.ektüre  einer
Tragödie  von  Comeille  oder  von  Racine  (zur  Wahl  Ie  Cid,  Horace,  Esther,  Athalie);
einige  Szenen  aus  Moliere's  Bourgeois  gentilhomme  oder  Avare;  etliche  Fabeln  von  1a
Fontaine.  Abwendung  vom  Klassizismus  und  Beginn  der  sogenannten  romantischen
Richtung:  Abschnitte  aus  B.  de  St.-Pierre's  Paul  et  Virginie,  aus  Madame  de  Stael’s
Corinne,  aus  Chateaubriand’s  Itineraire  A  Jerusalem;  etliche  (Gredichte  von  l.amartine,
Delavigne  und  Beranger.  Von  der  Krzühlungsliteratur  des  19.  Jahrhunderts:  Stücke  aus
Tocpfiers  Lac  de  Gers  und  aus  Feuillet's  Roman  d’un  jeune  homme  pauvte.

VL  Klasse.  Einiges  aus  der  literatur  des  Mittelalters,  namentlich  über  Mssterien
und  ähnliche  Spiele.  Das  siebzehnte  Jahrhundert:  Vorläufer  der  klassischen  l’eriode,
literarische  Salons;  das  Zeitalter  Ludwigs  XIV.:  das  Drama;  gekürzte  Lektüre  einer  zweiten
Tragödie,  entweder  von  Comeille  oder  von  Racine,  (je  nach  der  für  die  5.  Klasse  getroffenen
  Wahl);  Szenen  aus  Moliere's  Feinmes  savantes  oder  Misanthrope;  von  der
didaktischen  Dichtung  eine  Auswahl  aus  den  Satiren  oder  den  Episteln  des  Boileau  und
aus  „l’Art  poetique“;  etliche  Briefe  von  Madame  de  Sevrigne  und  Madame  de  Maintenun;
Teile  aus  der  Oraison  funebre  du  prince  (de  Conde  von  Bossuet;  dazu  Fenelons  Lettre
adressee  a  louis  XIV.  Aus  dem  Zeitalter  der  Aufklärung:  Abschnitte  aus  \Montesquieu’s
lL.ettres  persanes  oder  dessen  Considerations  sowie  aus  Voltaire's  Siccle  de  louis  XIV;
einiges  über  Rousseau,  Diderot  und  die  Enzyklopädie,  Buflon’s  Discours  sur  le  style.
Aus  der  Revolutionszeit:  über  die  Dramen  von  Beaumarchais,  Monolog  nus  dem  Figaro;
Bruchstück  einer  Rede  von  Mirabeau.  Von  der  romantischen  Dichtung  Proben  aus  den
Feuilles  d’automne  und  «den  Orientales  von  V.  Hugo:  das  eine  uder  andere  Gedicht  von
Musset;  Reformversuche  der  Romantiker  auf  dem  Gebiete  der  Tragödie:  ein  Abschnitt
aus  der  Preface  de  Cromwell.  Sonstige  Proben  aus  der  neuesten  Literatur  und  die  vollständige
  Lektüre  eines  modernen  T.ustspiels.

Ähnlich  weitgehend  ist  die  Berücksichtigung  der  englischen
Literatur,  falls  Englisch  als  Hauptfach  gewählt  wird.  Die  äussere