376  Das  Mädcheuschulwesen.

In  einzelnen  Punkten  di:ses  L.chrplanes  tretön  die  modernen
Tendenzen  und  Bestrebungen  im  Mädchenschulwesen  charakteristisch
hervor.  So  wird  in  der  Religion  der  Gedächtnisstoff  auf  das  Allernotwendigste
  beschränkt  und  das  mechanische  Auswendiglernen
ganzer  biblischer  Abschnitte  entschieden  verworfen.  In  der  Kirchengeschichte
  soll  auf  das  Verständnis  des  in  ihr  zum  Ausdruck
kommenden  religiösen  Lebens  hingearbeitet  und  es  soll  neben  der
apostolischen  Zeit  und  neben  Reformation  und  Gegenreformation  auch
das  eingehender  behandelt  werden,  was  zur  Einführung  in  die  Aufgaben
  und  Fragren  der  Gegenwart  dienen  kann.  Das  l.chrziel  im
Deutschen  ist  der  sichere  und  ungezwungene  mündliche  und  schriftliche
  Gebrauch  der  Muttersprache,  Bekanntschaft  mit  den  wertvollsten
Erzeugnissen  der  deutschen  Literatur  im  Rahmen  ihrer  Geschichte,
Erziehung  zur  Teilnahme  am  deutschen  Geistesleben;  dementsprechend
wird  z.  B.  im  Gegensatz  zu  den  preußischen  Bestimmungen  von  184
im  9.  und  10.  Schuljahr  die  deutsche  Literaturgeschichte  von  ihren
Anfängen  bis  zur  Gegenwart  zusammenhängend  behandelt.  Die
Schülerinnen  sollen  einen  Einblick  bekommen  in  die  hervorragenden
Erscheinungen  und  Richtungen  der  deutschen  Literatur  und  in  das
Wirken  ihrer  Hauptvertreter,  aber  durchweg  unter  Beschränkung  auf
das  wahrhaft  Bedeutende  und  so,  daß  die  Besprechung  und  das  V\Verständnis
  des  Gelesenen  die  Hauptaufgabe  bleibt.  Es  wird  besonders
darauf  Gewicht  gelegt,  dat  auch  die  Dichtung  des  19.  Jahrhunderts
den  Schülerinnen  in  geeigmeter  Weise  nahe  gebracht  wird.  In  der
Sprachlehre  sollen  in  der  Oberklasse  auch  Ilinweise  auf  das  geschichtliche
  I.cben  und  den  Geist  der  deutschen  Sprache  gegeben  werden.
Im  Aufsatz  wird  besonders  darauf  hingewiesen,  daß,  wo  cine
persönliche  Auffassungs-  und  Darstellungsweise  hervortritt,  sie  sorgfältig
  zu  beachten  und  zu  pflegen  sei.  Im  Französischen  entspricht
das  l.chrziel  den  preußischen  Bestimmungen  und  ebenso  im  Einglischen.
Mit  Arithmetik  und  Geometrie  geht  der  L.chrplan  der  Württentbergischen
  Mädchenschulen  über  das  Ziel  der  preußischen  Bestimmungen
  von  1894  heraus,  indem  er  in  der  Arithmetik  in  neunten
Schuljahre  Gleichungen  ersten  Grades  mit  einer  Unbekannten  und
daran  anknüpfend  Textgleichungen.  im  10.  Schuljahre  Potenzen  mit
ganzen  Exponenten,  Wurzeln,  Gleichungen  ersten  Grades  mit  einer
und  mehreren  Unbekannten  vorschreibt;  in  der  Geometrie  im  9.  Schuljahre
  die  Lehre  von  den  Strecken  und  Winkeln,  die  wichtigsten  Sätze
vom  Dreieck,  Parallelogramm  und  Trapez,  im  10.  Schuljahre  Kreislehre,
  Flächeninhalt  von  Figuren,  Ähnlichkeit,  das  Wichtigste  aus  der