Der  gegenwärtige  Stand  des  Mädehenschulwesens  in  Deutschland.  335

Turnen  und  Handarbeit  sind  in  den  oberen  Klassen  fakultativ.
Die  eine  Stunde,  die  zu  den  zwei  Turnstunden  noch  hinzutritt,  wird
als  Anstandsunterricht  bezeichnet.

In  seinen  methodischen  Grundsätzen  zeigt  der  Badische  Lehrplan
  cine  starke  Berücksichtigung  des  Praktischen  und  des  Konkreten.
Im  Deutschen  ıst  die  Handhabung  des  Literaturunterrichts  und  der
l.ektüre  ähnlich  wie  in  Preufen.  Literaturunterricht  soll  auch  hier
keine  selbständige  Disziplin  sein,  sondern  es  sollen  nur  die  hervorragenden
  literarischen  Erscheinungen  eingehend  zur  Besprechung
kommen.  Aus  der  neueren  Literatur  sollen  Klopstock,  Herder  und
Lessing  durch  eigene  Lektüre  wichtigerer  Dichtungren  vertreten  sein.
Eine  altgriechische  Tragödie  und  cin  Shakespearesches  Drama  in
guten  Übersetzungen  sollen  gelesen  werden.  Aufßser  3-—4  Hauptwerken
  der  klassischen  Periode  unserer  deutschen  Literatur  werden
Stücke  aus  Homer  in  Klasse  II,  und  Stücke  aus  dem  Nibelungenliede
  sowie  Gedichte  von  Walther  von  der  Vogelweide  in  Klasse  II
gelesen.  Die  Nach-Goethesche  Literatur  soll  nur  ın  einem  Überblick
behandelt  werden  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  patriotischen
L.iteratur.  Eigenartig  ist  ın  der  Handhabung  des  französischen  Unterrichts,
  der  sonst  ungefähr  den  preußischen  Bestimmungen  entspricht,
daß  die  Grammatik  zugleich  Mittelpunkt  des  gesamten  fremdsprachlichen
  Unterrichts  ist,  „sodaß  die  Erkenntnis,  der  ın  aller  Grammatik
wiederkehrenden  Erscheinungen  und  Verhältnisse  durch  die  französische
Grammatik  vermittelt  wird“.  In  allen  historischen  Disziplinen  wird
sleichfalls  cin  starkes  Gewicht  auf  die  Erfassung  von  Zuständen  und
Bewegungen  des  Kulturlebens  gelegt.  Der  I.chrstoff  der  Größenlehre
  in  den  ersten  beiden  Klassen  wird  als  „populäre  Geometrie“
bezeichnet.  Dabei  wird  ein  schr  starkes  Gewicht  auf  die  zeichnerische
  Darstellung  geometrischer  Formen  gelegt.

Eine  Übersicht  über  den  Stand  der  höheren  Mädchenschulen  in
Schuljahr  19023  gibt  umstehende  Tabelle.

An  Orten,  wo  keine  höheren  Mädchenschulen,  wohl  aber  +,
5-  und  G-klassige  Realmittelschulen  für  Knaben  bestehen,  werden  die
Mädchen  zum  Besuch  dieser  Anstalten  zugelassen.  Die  Zahl  der  betreffenden
  Mädchen  betrus  am  1.  Dezember  192:  579.

Privatschulen  von  Gemeinden,  Korporationen  und  einzelnen
Unternehmern  haben  im  Schuljahr  191/233  bestanden.  Die  kleineren
derselben  haben  die  verschiedenartigsten  Einrichtungen;  die  größeren
schließen  sich  im  wesentlichen  dem  staatlichn  I.chrplan  von  1802

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  11.  25