Die  gymnasialen  Unterrichtsanstalten  für  Mädchen  in  Deutschland.  315

Durchbildung  in  den  gymnasialen  Fächern,  vor  allem  m  den  alten
Sprachen  nicht  denkbar  sei,  wenn  nur  vier  Jahre  auf  die  unbedingt
erforderliche  Übung  verwendet  werden  könnten;  es  wurde  deshalb  in
denselben  Jahre,  in  dem  die  Berliner  Gymnasialkurse  entstanden,  in
Karlsruhe  von  dem  Verein  Frauenbildung  -  Frauenstudium  ein  sogenanntes
  Mädchengymnasium  gegründet,  daß  seine  Schülerinnen
bereits  mit  dem  zwölften  Lebensjahre  aus  der  höheren  Mädchenschule
empfing  und  in  sechs  Jahreskursen  zur  Reifeprüfung  vorbereitete.
Seitens  der  preußischen  Regierung  wurde  zunächst  diese  Form  der
gymnasialen  Vorbildung  der  Mädchen  nicht  genehmigt,  und  so  kam
man  dazu,  in  Frankfurt,  wo  man  eigentlich  sechsjährige  Gymnasialkurse
  einrichten  wollte,  sich  auf  einen  fünfjährigen  Kursus  zu  beschränken,
  es  wurde  damit  also  eine  dritte  Form  der  Gymnasialkurse
geschaffen.  Die  früher  entstandenen  Gymnasialkurse  richteten  sich
zuerst  sämtlich  nach  dem  Pensum  des  humanistischen  Gymnasiums,
als  aber  den  Abiturienten  der  Realgymnasien  und  der  preußischen
Oberrealschulen  die  Berechtigung  zum  Studium  der  Medizin  gegeben
wurde,  verwandelten  fast  alle  diese  Anstalten  ihren  Lehrgang  in  einen
realgymnasialen,  da  tatsächlich  die  Schülerinnen  sich  zum  größeren
Teil  auf  das  Studium  der  Medizin  oder  auf  andere  Studien,  die  eine
realgsymnasiale  Vorbildung  erforderten,  vorbereiteten.  Die  einzigen
größeren  Anstalten,  die  an  dem  humanistischen  Lehrgange  festgehalten
haben,  sind  die  mit  der  städtischen  höheren  Mädchenschule  in  Karlsruhe
verbundene  Gymnasialanstalt  und  das  Mädchengymnasium  in  Stuttgart.
In  Hannover  wird  neben  dem  rcalgymnasialen  cin  humanistischer
l.chrgang  durchgeführt.  Die  neu  gegründeten,  seien  es  vier-,  fünfoder
  sechsjährige  Kurse  —-  seit  kurzem  sind  in  Preußen  auch  die  sechsjährigen
  Kurse  genehmigt  worden  —  sind  von  vornherein  nach  dem
Muster  des  Realgymnasiums  eingerichtet  worden.  Die  sechsjährigen
Kurse  in  Preußen  folgen  dem  Lehrplan  des  Frankfurter  Reformgymnasiums.


Ein  anderer  Versuch  schlietslich,  die  höhere  Mädchenschule
nach  dem  Muster  einer  höheren  Unterrichtsanstalt  für  Knaben  auszugestalten,
  ist  die  in  Mannheim  mit  der  städtischen  höheren  Mädchenschule
  verbundene  Realabteilung,  von  der  bis  jetzt  erst  zwei  Klassen
bestehen,  die  aber  zu  einer  vollen  Oberrealschule  ausgestaltet  werden
soll.  Eine  Übersicht  über  die  ganzen  l.ehrpläne  dieser  verschieden
gestalteten  Gymnasialschulen  würde  zu  viel  Raum  einnehmen;  sie
bietet  auch  deshalb  Schwierigkeiten,  weil  einzelne  gymnasiale  Anstalten,
  z.  B.  die  von  Berlin  und  Breslau,  mitten  in  der  Umbildung