492  Das  Märdchenschulwesen.

Außer  in  diesen  eigens  für  Mädchen  geschaffenen  gymnasialen
Anstalten  bietet  sich  ihnen  in  Baden  und  \Württemberg  noch  eine
andere  Gelegenheit  zur  Vorbereitung  auf  das  Universitätsstudium:
vereinzelt  sind  ihnen  die  höheren  I.chranstalten  der  Knaben  crschlossen
  worden.  Zum  Teil  sind  das  nicht-voll-entwickelte  Schulen
in  kleinen  Orten,  wo,  wie  bei  den  hessischen  höheren  Bürgerschulen,
man  aus  Sparsamkeitsrücksichten  keine  Trennung  der  Geschlechter
eintreten  lief.  Nach  einer  Erhebung  von  1902  nahmen  z.  B.  Mädchen
  in  Baden  am  Unterricht  der  Knaben  in  7  Realschulen  und  ß
höheren  Bürgerschulen  teil,  aber  man  kann  das  kaum  als  einen  Sieg
des  Prinzips  der  gemeinsamen  Erziehung  auf  dem  Gebicte  des
höheren  Unterrichtswesens  betrachten.  Auch  in  Württemberg  wird
man  «die  Tatsache,  daß  im  Schuljahr  1902/3  am  Unterricht  der  „Gelehrtenschulen“
  im  ganzen  74,  an  dem  der  „realistischen  Schulen“  im
ganzen  184  Mädchen  teilnahmen,  nicht  in  diesem  Sinne  auffassen
dürfen.  Die  Mädchen  werden  hier  als  „außerordentliche“  Schüler
ecführt,  sind  bei  den  Gelehrtenschulen  nur  in  Mittel-  und  Unterklassen
  vertreten  und  wohl  gleich  den  anderen  „außerordentlichen“
vom  Latein  dispensiert.  Tine  prinzipielle  Bedeutung  aber  hat  die
Zulassung  der  Mädchen  als  Vollschülerinnen  zu  einzelnen  badischen
Gymnasien,  die  in  den  letzten  Jahren  erfolgt  ist.  Hicr  handelt  es
sich  tatsächlich  um  einen  Versuch  mit  der  Koedukation,  der  nach
den  Berichten  der  Direktoren  der  betreflenden  Anstalten  bis  jetzt
überall,  wo  er  gemacht  ist,  zu  gelingen  scheint.  Der  Erfolg  ist  um
so  bedeutsamer,  da  die  Schülerinnen  nicht  nur  in  Unter-  und  Mittelklassen,
  sondern  auch  in  verschiedenen  Klassen  der  Oberstufe  aufsenommen
  waren.  So  ist  vielleicht  mit  diesen  bis  jetzt  ganz  vereinzelten
  Gästen  in  den  Knabenschulen  ein  Weg  beschritten,  der  für
die  l.ösung  der  Frage  der  höheren  Frauenbildung  in  weiterem  Umfang
  neue  Möglichkeiten  erschließen  wird.