KAPITEL  1.
Zur  Geschichte  der  deutschen  Volksschule.

1.  Die  Zeit  vor  der  Reformation.

Die  Anfänge  der  deutschen  Volksschule  reichen  bis  in  die  Zeit
des  ausgehenden  Mittelalters  zurück.  Schon  im  13.  Jahrhundert
entstanden  in  den  blühenden  Städten  der  Niederlande  und  der
deutschen  Hansa  neben  den  Kloster-  und  Domschulen  neue  lateinische
Stadtschulen,  auch  Rats-  oder  Pfarr-Schulen  genannt.  Diese  unterschieden
  sich  zunächst  in  ihren  Lehrplänen  und  Unterrichtszielen  nicht
von  den  älteren  geistlichen  Lehranstalten,  sie  waren  aber,  vielfach
erst  nach  heftigen  Kämpfen  mit  dem  Klerus,  durch  die  Bürgerschaft
ins  Leben  gerufen  worden,  um  der  städtischen  Verwaltung  und  dem
Kaufmannsstande  die  erforderlichen  Beamten  und  gebildeten  Angestellten
  zu  liefern.  Der  wachsende  Umfang  und  die  weitgehenden
politischen  Verbindungen  der  Städte  erforderten  ein  geschultes  Personal
zur  Ausfertigung  der  Urkunden,  Protokolle,  Verträge,  Abrechnungen
und  Stadtbücher,  und  auch  der  Kaufmannsstand  bedurfte  für  die
Erledigung  seiner  Geschäfte  der  Gehilfen,  welche  nicht  nur  des  Lesens
und  Schreibens,  sondern  auch  der  damaligen  Weltsprache,  des  Lateins,
kundig  waren.

Die  städtischen  Lateinschulen  ersetzten,  da  sie  auch  die  Elemente
des  Lesens  und  Schreibens  lehrten,  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die
Volksschule.  Daneben  aber  entstanden  schon  früh  sogenannte  deutsche
Schulen,  in  denen  lateinischer  Unterricht  nicht  erteilt  wurde,  ja  nicht
erteilt  werden  durfte.  Wir  müssen  sie  uns  zum  Teil  als  Vorbereitungsanstalten
  für  die  Lateinschulen  denken  und  als  die  einzigen  Stätten
für  die  Bildung  der  weiblichen  Jugend.

Schon  um  das  Jahr  1400  wird  in  Memmingen  eine  Maidlin-Schule
  erwähnt,  und  1469  verbietet  der  Rat  dieser  Stadt,  daß  mehr