Zur  Geschichte  der  deutschen  Volksschule.  17

als  zwei  deutsche  Schulen  gehalten  werden  sollten.  Die  Mädchen
wurden  schon  in  dieser  Zeit  von  Lehrfrauen  (Lehrerinnen)  unterrichtet.
Als  Gegenstände  des  Unterrichts  in  den  deutschen  Knaben-  und
Mädchenschulen  werden  Lesen  und  Schreiben,  zuweilen  auch  Rechnen
und  Singen  erwähnt.  Die  Mädchen  scheinen  auch  in  weiblichen
Handarbeiten  unterrichtet  worden  zu  sein.  Die  Lehrer  dieser  von
den  Behörden  nur  geduldeten,  ja  oft  ausdrücklich  verbotenen  Privatanstalten
  bildeten  natürlich  anfangs  keinen  festen  Stand,  obgleich  sie
sich  später  in  einzelnen  Städten  zu  Gilden  vereinigt  haben.  Sie  mögen
sich  aus  dem  Stande  der  fahrenden  Schüler,  aus  Stadtschreibern  und
Handlungsdienern,  aus  Handwerkern  und  anderem  noch  weniger
geeignetem  Volke  rekrutiert  haben.

Noch  ungünstiger  wird  es  um  den  Elementarunterricht  in  der
Muttersprache  auf  dem  Lande  gestanden  haben.  Die  Nachrichten
über  das  ländliche  Schulwesen  in  Deutschland  vor  der  Reformation
sind  überaus  spärlich.  Johannes  Müller,  einer  der  besten  Kenner  der
Vorgeschichte  des  deutschen  Volksschulwesens,  äußert  sich  zu  dieser
Trage  folgendermaßen*):

„Ob  in  den  Dörfern  deutsche  Schulen  vor  der  Reformation
bestanden,  darüber  läßt  sich  bei  den  geringen  Nachrichten  über  das
mittelalterliche  Dorfschulwesen  überhaupt  wenig  Bestimmtes  sagen.
Die  Existenz  von  Dorfschulen  vor  der  Reformation  zu  bezweifeln,  wie
es  manche  sonst  verdienstvolle  Forscher  tun,  ist  nicht  gerechtfertigt.
Es  gab,  wenn  auch  die  urkundlichen  Aufzeichnungen  darüber  spärlich
sind,  wirklich  Schulen  für  die  Jugend  der  Landbewohner;  nur  dürfen
wir  sie  uns  keinesfalls  überall  und  nicht  oder  nur  sehr  selten  in  einem
besonderen  Schulhause,  das  ja  auch  in  den  Städten  vielfach  fehlte,
oder  unter  Leitung  eines  eigenen  Schulrektors  denken  und  müssen
sowohl  die  letzten  2—3  Jahrhunderte  des  Mittelalters  und  besonders
das  15.  mit  seiner  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  von  den  früheren,
als  auch  das  nordöstliche  Deutschland  bis  an  die  Elbe  von  dem
übrigen,  namentlich  von  den  Rheingegenden,  unterscheiden.  .....  Erst
mit  der  Vermehrung  der  Pfarreien  und  Geistlichen  und  deren
Organisation,  mit  der  zahlreichen  Bildung  von  stärker  bevölkerten
Dorf-  und  Stadtgemeinden  und  mit  dem  durch  die  Kreuzzüge  und
durch  den  Aufschwung  des  Handels  und  Verkehrs  gesteigerten
Unterrichtsbedürfnisse  ward  die  Sorge  für  den  Jugendunterricht  so

*)  (Juellenschriften  zur  Geschichte  des  deutschsprachlichen  Unterrichtes  bis  zur
Mitte  des  16.  Jahrhunderts.  Gotha  1882.  S.  325  1f.

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich,  II.  2