18  Volksschulwesen.

lebendig,  daß  diesem  eine  wachsende  Tätigkeit  zugewandt  wurde.
Der  am  frühesten  christianisierte  Westen  Deutschlands  ging  den
anderen  Gegenden  voran.  Auf  den  Dörfern  waren  die  ersten  Schulen
jedenfalls  meist  Pfarrschulen,  oder  der  Unterricht  war  Privatunterricht
einzelner,  von  einzelnen  Geistlichen  oder  deren  Gehilfen,  in  den  letzten
Jahrhunderten  des  Mittelalters  wohl  auch  von  fahrenden  Spielleuten
oder  fahrenden  Scholaren,  Schreibern  oder  anderen  l.aien  erteilt.‘

Aber  auch  diese  Pfarrschulen  auf  dem  Lande  dürfen  wir  uns
keineswegs  als  Volksschulen  in  heutigem  Sinne  vorstellen.  Sie  setzten
sich  wohl  kaum  die  Verbreitung  allgemeiner  Bildung  zum  Ziele,
sondern  suchten  hauptsächlich  Kleriker  und  Sänger  für  den  Kirchendienst
  vorzubilden.  Kin  elementarer  Lateinunterricht  stand  auch  bei
ihnen  neben  den  Anfangsgründen  des  Lesens  und  Schreibens  im
Mittelpunkt  des  Interesses.  Ein  lebendiges  Bild  aus  dem  Leben  von
Lehrern  und  Schülern  zu  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  gibt  dic
Selbstbiographie  von  Thomas  Platter,  später  Rektor  in  Basel,  und  ein
anderer  Gelehrter,  der  Kantor  Nicolaus  Hermann  zu  Joachimsthal
(+  1561),  entwirft  in  der  Widmung  seines  Buches  „Die  Historien  von
der  Sintflut,  Joseph,  Mose  usw.  in  Reyme  gefasset,  für  christliche
Hausväter  und  ihre  Kinder‘  folgende  vielleicht  etwas  zu  stark  gefärbte
Schilderung,  und  zwar  nicht  von  den  Zuständen  deı'  deutschen,  sondern
der  höher  bewerteten  Lateinschulen  jener  Zeit:

„Wenn  ich  zurückdenke,  wie  es  in  meiner  Jugend  vor  fünfzig
Jahren  und  vorher  in  Kirchen  und  in  Schulen  gestanden  ist,  und  wie
man  darin  gelehrt  hat,  so  stehen  mir  die  Haare  zu  Berge  und  schaudert
mir  die  Haut,  kann  es  auch  unbeseufzt  und  beklagt  nicht  lassen,  und
es  wäre  zu  wünschen,  daß  die  jetzige  Jugend  und  Schüler  nur  den  halben
Teil  wissen  sollten,  was  zu  derselben  Zeit  die  armen  Schülerlein  für
Elend,  Jammer,  Frost,  Hunger  und  Kummer  haben  erleiden  und  erdulden
müssen,  und  wie  sie  dagegen  so  gar  übel  und  unrichtig  sind  gelehrt
und  unterwiesen  worden,  ja  noch  einmal,  sage  ich,  wäre  es  zu
wünschen,  daß  sie  es  wissen  sollten,  so  würden  sie  ihre  Hände  aufheben
  und  Gott  von  Herzen  für  die  großen  Wohltaten  und  gnadenreiche
  Zeit,  darinnen  sie  geboren  sind,  danken  und  ihn  loben,  ehren
und  preisen.  Denn  in  gemeinen  Schulen  war  eine  solche  Barbarei
und  Unrichtigkeit  im  Lehren,  daß  mancher  bis  20  Jahre  alt  wurde,
che  er  seine  Grammatik  lernte  und  ein  wenig  Latein  verstand  und
reden  konnte,  welches  doch  gegen  das  jetzige  Latein  lautet  wie  ein
altes  Rumpelscheid  oder  Strohfiedel  gegen  die  allerbeste  und
bestgestimmte  Orgel.  Welches  man  denn  mit  den  ungelehrten  Pricstern,