Zur  (seschichte  der  deutschen  Volksschule.  19

so  zur  selben  Zeit  viel  Tausend  waren,  leicht  bezeugen  und  beweisen
könnte.  Zudem  wurden  die  armen  Knaben  mit  dem  Singen  dermaßen
beschwert  und  gepeinigt,  daß  man  von  einem  Feste  zum  andern  kaum
Zeit  genug  haben  konnte,  die  Gesänge  anzurichten  und  zu  übersingen,
wenn  man  gleich  in  der  Schule  sonst  nichts  zu  lernen  und  zu  lehren
bedurft  hätte,  und  mußten  oft  die  Knaben  bei  nächtlicher  Zeit  in
einer  Mette  in  dem  kalten  Winter  drei  ganze  Zeigerstunden  aneinander
in  der  Kirche  frieren,  daß  mancher  sein  Lebelang  ein  Krüppel  und
ungesunder  Mensch  sein  mußte.  Die  armen  Kinder,  die  nach  Parteken
(Brotstücken)  herum  sungen,  das  waren  recht  natürliche  Märtyrer.
Wenn  sie  in  der  Schule  genugsam  gemartert  waren  und  in  der  Kirche
erfroren,  mußten  sie  dann  erst  hinaus  auf  die  Gart  (die  Bettelei),  und
wenn  sie  mit  großer  Mühe  im  Regen,  Wind  und  Schnee  etwas
ersungen,  mußten  sie  dasselbige  den  alten  Bacchanten,  welche  daheim
auf  der  Bärenhaut  lagen,  wie  einem  Drachen  in  den  Hals  stecken,
und  sie,  die  Knaben,  mußten  Maul  ab  sein  und  darben.  Dagegen
sollten  die  Bacchanten  sie  unterweisen  und  mit  ihnen  repetieren  und
konnten  oft  selber  nichts  denn  scamnum  deklinieren,  das  magister  und
musa  hatten  sie  nicht  gelernt.  Und  wie  die  Lehrer  und  Schulmeister
waren,  so  waren  auch  gemeiniglich  die  Schulen  die  garstigsten,  unfätigsten
  Häuser,  daß  Bütteleien,  Schindereien  und  Henkereien  lauter
Schlösser  und  Paläste  dagegen  waren.  In  solchen  garstigen,  unflätigen
Häusern,  mitten  unter  den  Katzen  und  Mäusen,  Flöhen,  Wanzen  und
Läusen,  und  was  der  Bursalia  (Burschensachen)  mehr  waren,  mußte
die  liebe  Jugend  erzogen  werden,  die  einst  sollte  Lehrer  und  Regenten
geben.“

2.  Das  Zeitalter  der  Reformation.

Wenn  wir  sonach  von  einem  allgemeinen  Volksunterricht  in  der
zweiten  Hälfte  des  Mittelalters  weder  in  den  deutschen  Städten  noch
auf  dem  Lande  reden  können,  so  begann  sich  doch  mit  dem  Zeitalter
  der  Erfindungen  und  Entdeckungen,  mit  der  Verbreitung  der
Buchdruckerkunst,  dem  Wiederaufleben  der  klassischen  Schriftsteller,
mit  der  Reformation  allmählich  in  allen  Kreisen  des  Volkes  ein
stärkeres  Bedürfnis  nach  der  Kenntnis  des  Lesens  und  Schreibens
und  nach  einem  tieferen  Verständnis  der  göttlichen  und  weltlichen
Dinge  geltend  zu  machen.  Martin  Luther  hatte  auch  den  Laien  in
seiner  Bibelübersetzung  die  Quelle  des  Glaubens  und  der  Erkenntnis
Gottes  durch  die  Muttersprache  eröffnet  und  in  seinen  Katechismen,
seinen  Sendschreiben,  Streitschriften  und  Liedern  hochbedeutsame

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