Zur  Geschichte  der  deutschen  Volksschule.  23

für  das  öffentliche  Leben  in  Kirchen,  Rathäusern,  Schüttingen  oder
Hochzeithäusern  große,  stattliche,  kunstreich  gebaute  und  geschmückte
Räume  kannte,  sehr  geringe  Ansprüche.  Thomas  Platter  (1499  —  1582)
in  seiner  vielbenutzten  Autobiographie  erzählt  aus  eigner  Erfahrung,
wie  in  der  Schule  bei  St.  Elisabeth  zu  Breslau  neun  Baccalarien
eleichzeitig  in  einer  Stube  zu  lesen  (d.  i.  zu  lehren)  pflegten.  Überdies
  dienten  dort  die  Schulstuben  den  Schülern  noch  teilweise  als
Nachtquartier..  Zwei  Menschenalter  später  ergießt  der  streitbare
Humanist  Nikodemus  Frischlin  (1588)  scharfe  Zorneslauge  über  Braunschweigs
  städtisches  Schulwesen,  namentlich  auch  in  dieser  Hinsicht:
‚Sehe  ich  auf  die  A-B-C-Schule,  worin  der  Väter  Augäpfel,  der  Mütter
Lieblinge  sitzen,  so  erbarmt  mich  dieses  zarten  Häufleins.  Sie  müssen
m  einem  Raume,  wo  kaum  die  Hälfte  gehörig  Platz  hätte,  so  eng
aufeinander  sitzen,  daß  sie  sich  drücken  und  pressen.  Da  überdies
das  Schulhaus  in  einem  finstern  Winkel  der  Stadt  steht,  keinem
Winde,  keiner  Luft  zugängig,  wie  sollten  in  der  Enge,  in  dem
Gestanke,  besonders  sommers,  die  zarten  Kleinen  nicht  in  allerlei
Krankheiten  fallen?‘  ‚Die  Männer,  welche  den  ganzen  Tag  im  Lärm
und  Stanke  der  Knaben  stecken  müssen,  werden  darin  halb  schwindsüchtig
  und  halb  taub!‘  Ebenda  klagen  15%  einige  Bürger  dem  Rate
bitterlich,  daß  große  und  kleine  Schüler  den  gar  kalten  Winter  über
in  den  Schulen  großen  Frost  erlitten  haben,  und  daß  in  den
Wohnungen  des  Rectoris,  Conrectoris  und  anderer  Schuldiener  ‚bisweilen
  alle  Unordnung  fürfellet.‘

Man  beachte,  daß  hier  Wohnung  der  Lehrer  und  Schulzimmer
nicht  scharf  voneinander  getrennt  werden.  Nicht  selten  fehlte  es  an
jedem  Unterschiede  zwischen  beiden  und  fand  der  Unterricht  in  den
Wohnräumen  der  Lehrer  statt.  Zu  Bau  und  Besserung  entschloß
man  sich  oft  genug  erst  dann,  wenn  ‚ohne  Leib-  und  Lebensgefahr
die  functiones  in  die  Länge  nicht  zu  verrichten  waren.‘  Gab  es
eigene  Schulzimmer  oder  gar  Schulsäle,  so  war  es  noch  um  1600
nicht  unerhört,  daß  in  ihnen  mehrere  Klassen  von  verschiedenen
Lehrern  oder  die  Knaben  vom  Schulmeister,  die  Mädchen  von  der
Lehrerin  gleichzeitig  unterrichtet  wurden.

Man  mag  hieraus  ermessen,  wie  schlimm  cs  auf  dem  Lande  mit
der  Unterkunft  der  Schulen  gestanden  haben  wird.  Zwar  gab  es  an
manchen  alten  und  wohlhäbigen  Kirchorten  Küstereien,  Wohnhäuser
  für  die  Opferleute,  Mesner,  Sigristen  oder  wie  diese  niederen
Kleriker  hießen.  Doch  schwerlich  werden  sie  in  vielen  Fällen  bequem
zur  Aufnahme  von  Schulen  eingerichtet  gewesen  sein.  In  solchen