98  Volksschulwesen.

einer  tieferen,  innerlicheren  Auffassung  des  Christentums  kann  hier  natürlich
  nicht  ausreichend  gewürdigt  werden.  Einen  mittelbaren  Einfluß
  auf  die  Organisation  der  deutschen  Volksschule  gewann  Philipp
Jakob  Spener  (1635—1705)  dadurch,  daß  er  mit  Erfolg  für  die  allgemeine
  Durchführung  bezw.  Wiedereinführung  der  Konfirmation  in
protestantischen  Ländern  eintrat.  Diese  Einrichtung  setzte  dem  religiösen
  Schulunterricht  ein  gewisses  erkennbares  Ziel,  die  Mündigwerdung
  des  jungen  protestantischen  Christen,  und  dieses  Ziel  ließ
sich  nicht  wohl  vor  dem  14.  Jahre  erreichen.  So  trug  denn  die  Sitte
der  Konfirmation  viel  dazu  bei,  daß  in  protestantischen  Landen  das
14.  Jahr  als  der  natürliche  Abschluß  der  Schulpflicht  angesehen  wurde.

August  Hermann  Francke  (1663—1727)  erhielt  seine  Erziehung
auf  dem  Gymnasium  zu  Gotha  und  steht  auf  diese  Weise  unter  dem
Einfluß  des  gothaischen  Schulwesens.  Er  schuf  1695  in  seiner  Armenschule
  in  Halle  den  Keim  zu  dem  Waisenhause,  dem  Pädagogium  und
all  den  großartigen,  für  die  Schulgeschichte  so  hoch  bedeutsamen
Unterrichtsanstalten,  welche  noch  heute  in  Halle  bestehen.  Seine
Armenschule  und  sein  Waisenhaus  haben  im  18.  Jahrhundert  den
nachhaltigsten  Einfluß  auf  Deutschland  und  selbst  auf  das  Ausland
ausgeübt.  Francke  darf  wohl  mit  Recht  als  der  Begründer  dieser
beiden  Arten  von  Fürsorgeanstalten  für  die  bedürftige  Jugend  angesehen
  werden,  und  wenn  auch  die  Armenschule  in  unseren  Tagen
mit  Recht  als  eine  glücklicherweise  überwundene  Erscheinung  angeschen
  wird,  so  darf  doch  nicht  vergessen  werden,  daß  Francke  das
Verdienst  zukommt,  sich  in  vorbildlicher  Fürsorge  zuerst  der  ärmsten
Kinder  angenommen  und  ihnen  Erziehung  an  Stelle  eines  flüchtigen
Almosens  geboten  zu  haben.  Vielleicht  noch  größer  ist  Franckes
Verdienst  auf  einem  anderen  Gebiete,  dem  der  Lehrerausbildung.
Sein  Lehrerseminar  wurde  das  Vorbild  vieler  anderer  ähnlicher  Anstalten,
  welche  der  Volksschule  im  18.  Jahrhundert  eine  Fülle  von
brauchbaren  Lehrkräften  lieferten.  Johann  Julius  Hecker  (1707  bis
1768),  welcher  als  Student  längere  Zeit  an  dem  Franckeschen  Pädagogium
  unterrichtet  hatte,  wurde  durch  sein  im  Jahre  1748  in  Berlin
begründetes  und  im  Jahre  1753  zu  einem  königlichen  Institut  erhobenes
  und  von  Friedrich  dem  Großen  gefördertes  Kuüster-  und
Schulmeisterseminar  der  Schöpfer  eines  Instituts,  welches  in  ganz
Deutschland  Nachahmung  fand.  Ähnliche  Seminare  wurden  im  l.aufe
weniger  Jahrzehnte  in  Hannover,  Wolfenbüttel,  in  der  Grafschaft  Glatz,
in  Breslau  und  Karlsruhe  cröffnet.  Auch  der  katholische  Abt  Felbiger
  hatte,  angeregt  durch  die  Bestrebungen  TIcckers,  (1762)  in  Sagan