3  Volksschulwesen.

Mittel  (wobey  sie  freilich  auch  ihrer  Seits  thätig  seyn  mußten)  dem  Fortgang  der  Epidemie
zu  steuern  sey.  Aber  böse  Vorurtheile,  \Verwöhnung  und  Aberglauben,  nebst  gänzlicher
Unwissenheit  an  Lesen  und  Schreiben,  machten  fast  alle  meine  guten  Absichten  fruchtlos.

Sie  emphengen  zwar  die  Mittel,  die  ich  bezahlte,  nahmen  sie  aber  nicht  ein,  und
scheuten  sogar  die  Mühe,  dem  nur  eine  kleine  Meile  in  Brandenburg  entfernt  wohnenden
Arzte  von  dem  jedesmaligen  Zustande  der  Patienten  etc.  Nachricht  zu  geben.

Die  einfachsten  Vorkehrungen  und  Reinigungsanstalten,  die  ich  ihnen  mündlich
und  schriftlich  empfohl,  waren  ihnen  theils  zu  mühsam,  theils  hatten  sie  solche  vergessen,
und  das  Schriftliche  konnten  sie  nicht  lesen.

Dagegen  brauchten  sie  heimlich  die  verkehrtesten  Mittel,  liefen  zu  (Juacksalbern,
Wunderdoktoren,  sogenannten  klugen  Frauen,  Schäfern  und  Abdeckern,  bezahlten  dort
reichlich,  und  starben  häufhg  dahin.

In  tiefer  Demuth  möchte  ich  an  diesem  kundbaren  Beyspiel  «denen  Kegenten  und
l.andesvätern  der  Völker  den  hohen  und  unschätzbaren  Werth  der  Aufklärung  durch
bessere  Schulen  hier  nochmals  an  das  Herz  legen!

Schon  bloß  von  Seiten  der  Finanz  betrachtet,  die  durch  Entvölkerung  der  Länder
verliert  und  bei  Wohlstand  und  Erhaltung  nützlicher  Individuen  gewinnt,  fallen  alle
Finwürfe  der  Aufklärungsfeinde  dahin.  Oder  gehört  etwa  nicht  zu  jedem  Thun  und
lassen  und  Gewerbe  Nachdenken  und  Vordenken,  damit  es  gelinge?  Der  Dumme  denkt
aber  nicht  gehörig  weder  nach  noch  vor,  weiß  sich  nicht  zu  helfen,  kann  guten  Rath
nicht  würdigen,  und  wird  eben  darum  ein  Opfer  der  Ereignisse.

In  bittern  Gram  versenkt  über  diese  schrecklichen  Folgen  der  Dummheit  und
Unwissenheit,  saß  ich  einstmals  (es  war  am  14.  Februar  1772)  an  meinem  Schreibtische,
und  zeichnete  einen  löwen,  der  in  einem  Netze  verwickelt  da  lieg.  —  „So,  dacht  ich,
liegt  auch  die  edle  kräftige  (sottesgabe,  Vernunft,  die  doch  jeder  Mensch  hat,  in  ein
(rewebe  von  Vorurtheilen  und  Unsinn  dermaßen  verstrickt,  daß  sie  ihre  Kraft  so  wenig,
wie  hier  der  l.öwe  die  seinige,  brauchen  kann.  Ach  wenn  doch  eine  Maus  wäre,  die
einige  Maschen  dieses  Netzes  zernagte,  vielleicht  würde  dann  dieser  l.öwe  seine  Kralı
äußern  und  sich  los  machen  können!“

Und  nun  zeichnete  ich  gleichfalls,  als  (redankenspiel,  auch  die  Maus  hin,  die  schon
einige  Maschen  des  Netzes,  worin  der  Löwe  verwickelt  liegt,  zernagt  hat.

Wie  ein  Blitzstrahl  fuhr  mir  der  (sedanke  durch  die  Seele:
„Wie,  wenn  du  diese  Maus  würdest?“

Und  nun  enthüllte  sich  mir  die  ganze  Kette  von  Ursachen  und  Wirkungen,  warum
der  Landmann  so  sey  als  er  ist:  Er  wächst  auf,  als  ein  Thier  unter  Thhieren.  Sein
Unterricht  kann  nichts  Gutes  wirken.  Der  gröbste  Mechanismus  herrscht  in  seinen  Schulen.
Sein  Prediger  spricht  hoch-  und  er  plattdeutsch.  Beide  verstehen  sich  nicht.  Die  Predigt
ist  eine  zusammenhängende  Rede,  die  er  wie  zur  Frohne  hört,  weil  sie  ihn  ermüdet,  indem
er,  an  Aufmerken  und  Periodenbau  nicht  gewöhnt,  ihr  nicht  folgen  kann,  ja  selbst  wenn
sie  gut  ist,  (und  wie  oft  ist  sie  das?)  das  Bündige  derselben  bey  ihm  nicht  Überzeugung
wirkt.  Niemand  bemüht  sich,  die  Seelen  seiner  Jugend  zu  veredien.  Ihre  Lehrer  sind
gewöhnlich,  wie  Christus  es  nennt,  blinde  Leiter,  und  so  leidet  denn  der  Staat  bey  diesem
/ustande  der  Sachen  (nach  welchem  sein  Flor  sich  in  einem  beständigen  Kriege  gegen
die  verheerende  und  zerstörende  Dummheit  betindet)  mehr  Verlust  als  in  der  blutigsten
Schlacht.

„Gott!  dachte  ich,  muß  denn  das  so  seyn?  Kann  der  Landmann,  diese  eigentliche
Stärke  des  Staats-Körpers,  nicht  auch  verhältnißmäßig  gebildet,  und  zu  allem  guten  Werk
geschickt  gemacht  werden?  \Wie  viel  tüchtige  Menschen  hätte  z.  B.  ich  in  diesen  Jahren
nicht  meinem  Vaterlande  gerettet,  die  jetzt  ein  Raub  ihrer  entsetzlichen  Stupidität  geworden
  sind!  Ja!  ich  will  die  Maus  seyn.  Gott  helfe  mir!“