Zur  Geschichte  der  deutschen  Volksschule.  31

Der  Begründer  der  ganzen  philanthropischen  Richtung,  welcher
ihr  auch  den  Namen  gegeben  hat,  Johann  Bernhard  Basedow
723—  1790),  schuf  in  seiner,  mit  Unterstützung  des  Fürsten  Leopold
Franz  Friedrich  von  Anhalt-Dessau  im  Jahre  1774  begründeten
Erziehungsanstalt  Philanthropin,  d.  h.  einer  „Werkstätte  der  Menschenfreundschaft‘,
  eine  Musteranstalt,  an  welcher  später  auch  die  beiden
anderen  Führer  dieser  Richtung,  Campe  und  Salzmann,  vorübergehend
tätig  gewesen  sind.

Wenn  auch  diese  Anstalt  vorzugsweise  für  die  Erziehung  der
Kinder  höherer  Stände  bestimmt  war  und  nicht  eigentlich  der
Volksschulbildung  diente,  so  verbreitete  sie  doch  die  Keime  gesunder
pädagogischer  Anschauungen  im  deutschen  Volke,  welche  schließlich
auch  der  Volksschule  zugute  kommen  mußten.  Die  vielfachen  Anrezungen,
  welche  er  von  J.  J.  Rousseau  empfangen  hat,  sind  in  seinen
Schriften  ebenso  wie  in  den  Einrichtungen  seiner  Schule  deutlich  zu
erkennen.  Der  Abhärtung  und  Kräftigung  des  Körpers  durch  Turnen,
Baden,  weite  Spaziergänge,  Handwerks-  und  Feldarbeit  wurde  große
Sorgfalt  zugewendet.  Die  Disziplin  war  milde,  dafür  suchte  der
Unterricht  durch  neue  verbesserte  Methoden  das  lebendige  Interesse
der  Schüler  und  die  Begeisterung  der  Lehrer  zu  erwecken.  Der
Hauptzweck  der  Erziehung  sollte  sein:  „die  Kinder  zu  einem  gemeinnützigen,
  patriotischen  und  glückseligen  Leben  vorzubereiten.  Fin
ansehnlicher  Stand  hingegen,  ein  reichliches  Auskommen,  Gelehrsamkeit,
  Kunstfertigkeit  und  ein  angenehmes  äußerliches  Wesen  sind
Vorteile,  welche  man  seinen  Kindern  auf  solche  Art  verschaffen  darf,
dat  dem  Hauptzwecke  nicht  geschadet  werde.“  Wenn  auch  Basedow
als  Charakter  keine  vorbildliche  Persönlichkeit  war  und  durch  übertriebene
  Reklame  sowie  mancherlei  Absonderlichkeiten  der  Wirkung
seiner  Ideen  schadete,  wenn  auch  das  von  ihm  begründete  Philanthropin
  sich  trotz  der  Mitwirkung  vieler  tüchtiger  Pädagogen  nur  bis
zum  Jahre  1793  halten  konnte,  so  hat  er  doch  in  dieser  Erziehungsanstalt
  ein  Werk  geschaffen,  welches  zahlreichen  ähnlichen  Schulen
zum  Vorbild  gedient  hat,  und  dessen  Ideen  noch  heute  Lebenskraft
besitzen,  wie  die  in  jüngster  Zeit  neu  gegründeten  Land-Erziehungsheime
  in  Ilsenburg,  Haubinda,  Schloß  Glarisegg  am  Bodensee  beweisen.


Johann  Heinrich  Campe  (1746—1818),  der  Erzieher  der  Brüder
Wilhelm  und  Alexander  von  Humboldt,  wirkte  eine  kurze  Zeit  als
Edukationsrat,  Lehrer  und  Leiter  an  dem  Basedowschen  Philanthropin
und  führte  die  Richtung  des  Philanthropismus  in  die  Jugendliteratur