Zur  Geschichte  der  deutschen  Volksschule.  33

besserung  von  selbst  hervor,  und  der  Zögling,  dessen  Veredelung  dir
gelungen  ist,  hat  Anlage,  auf  dem  Platze,  wohin  ihn  die  Vorsehung
stellt,  den  Zustand  von  Tausenden  seiner  Brüder  angenehmer  und
behaglicher  zu  machen.“

Der  größte  Pädagoge  dieser  Zeit  gehört  zwar  seiner  Geburt
und  dem  größten  Teile  seines  Lebens  nach  dem  18.  Jahrhundert  an,
reicht  aber  mit  seinem  unmittelbaren  und  mittelbaren  Einfluß  bis  tief
in  das  19.  Jahrhundert,  ja  bis  in  die  Gegenwart  hinein.  Die  Bedeutung
  des  Schweizers  Johann  Heinrich  Pestalozzi  (17461827)  für
die  Volksschule  kann  hier  nicht  entsprechend  gewürdigt  werden.  Er
hat  durch  seine  Erziehungsanstalten  in  Neuhof,  Stanz,  Burgdorf  und
Iferten,  sowie  durch  seine  Schriften  und  seinen  persönlichen  Verkehr
mit  zahllosen  Lehrern,  Menschenfreunden  und  Staatsmännern  den
nachhaltigsten  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Pädagogik  in  allen
Kulturländern  ausgeübt.  Sein  Ideal  war  die  Ausbildung  des  ganzen
Menschen  und  sein  Weg  zu  diesem  Ziele  die  Liebe  zu  den  Kindern.

Sein  Leben  war  reich  an  Not,  Sorge  und  Mißerfolgen,  aber  er
hat  die  hohe  Befriedigung  genossen,  daß  er  in  seinem  Älter  wie  selten
ein  Pädagoge  Anerkennung  und  Bewunderung  von  aller  Welt  erfahren
  hat.  Sein  Schloß  in  Iferten  am  Neuchateller  See  wurde  der
Mittelpunkt  der  pädagogischen  Interessen  von  ganz  Europa,  und  er
wurde  nicht  müde,  Rat  und  Belehrung  all  den  unzähligen  Besuchern
zu  spenden,  welche  bei  ihm  zusammenströmten,  um  ihn  persönlich
kennen  zu  lernen  und  die  Wunder  seiner  Methode  zu  schauen.

Als  nach  der  Schlacht  bei  Jena  in  der  Zeit  der  tiefsten
Demütigung  Preußens  durch  Napoleon  I.  König  Friedrich  Wilhelm  II.
und  seine  Räte  an  der  Wiedergeburt  der  Monarchie  arbeiteten,  wußte
man  keinen  besseren  Rat,  um  die  sittliche  Kraft  des  Volkes  neu  zu
beleben,  als  daß  man  junge  Gelehrte  zu  Pestalozzi  sendete,  damit  sie
seine  Methoden  in  das  preußische  Schulwesen  einführten.  Der
Minister  von  Altenstein  schrieb  damals  am  11.  September  1808  an
Pestalozzi:

„Die  jungen  Männer  sollen  den  Geist  Ihrer  ganzen  Erziehungsund
  Lehrart  unmittelbar  an  der  reinsten  Quelle  schöpfen,  nicht  bloß
einzelne  Teile  davon  kennen  lernen,  sondern  alle  in  ihrer  wechselseitigen
  Beziehung  und  ihrem  tiefsten  Zusammenhange  auffassen,  unter
Anleitung  ihres  ehrwürdigen  Urhebers  und  seiner  achtungswerten
Gehilfen  sie  üben  lernen,  im  Umgange  mit  Ihnen  nicht  ihren  Geist
allein,  sondern  auch  ihr  Herz  zum  vollkommenen  Erziehungsberufe
ausbilden  und  von  demselben  lebendigen  Gefühle  der  Heiligkeit  dieses

Da+  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  Ill.  3